Der Winter war hart . . .
Es schneite und schneite damals. Das Land verkroch sich förmlich unter der weißen, weichen Decke.
Weihnachten stand vor der Tür, und mein Vater hatte heftiges Reisefieber. Er lief hin und her, stieg auf den Boden, um Koffer und Reisetasche zu holen, suchte seine besten Mannschettenknöpfe heraus und legte etliche Kragenknöpferln bereit. Und dann traf er noch eine Auswahl von Krawatten und Socken. Mama sollte außerdem darauf dringen, daß die Büglerin nicht wieder so steife Hemdkrägen liefert, ja, und ob Heini's Kofferl schon fertig gepackt sei. Mein Bruder Heinrich durfte nämlich mit auf Reisen gehen. Sie sollte ins Ausland führen und zwar nach Chemnitz zu meiner Tante Marie. Bereits in den Sommerferien war ausgemacht worden, daß die ganze Familie zum Weihnachtsfest kommen würde.
Jedoch schon im September begannen die Pläne fragwürdig zu werden. Eine Scharlachepidemie brach aus. Ich gehörte sehr bald zu dem Kreis der hochfiebernden und rotgefleckten Hascherln. Da es mich aber ganz besonders heftig beutelte, sagte unser Hausarzt, der gute Dr. Siegl, daß ich unbedingt ins Spital müsse. Mama weinte, Vater zitterte, und ich sah alles durch einen Vorhang. Im Spital balancierte ich mindestens eine Woche lange zwischen dem Kinderhimmel und der Erde. Als ich dies zur Freude meiner Lieben gut geschafft hatte und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft sehen konnte, mußte ich trotzdem noch vier Wochen lang in der karbolstinkenden Abteilung bleiben. Als der Tag des Abschiedes kam, vergaß mich die sonst so liebevoll besorgte Schwester im naßkalten Frottierhandtuch. Sie war zwar fürchterlich erschrocken, als sie sich meiner erinnerte, aber da hatte ich bereits eine kleine Ewigkeit mit Zittern und Beben hinter mich gebracht. Es nützte nichts, daß ich nachher massiert und gerubbelt sowie mit heißer Zitrone gestärkt wurde, die nächste Gratwanderung war schon in Sicht.
Vater hatte nichtsahnend den Fiaker Ondraček bestellt. Obwohl mich meine Mama in zwei warme Wolldecken einhüllte, legte Herr Ondraček noch ein schönes großes Reiseplaid über mich. Und trotzdem konnte ich mich nicht erwärmen. Bereits am Nachmittag saß der Doktor wieder an meinem Bett. Seine Brillengläser blitzten, und seine kühle Hand strich über mein fieberheißes Gesicht. „Das Kind hat einen Rückfall", sagte er, „es hat sich erkältet."
Diese Worte dürften ungefähr die letzten gewesen sein, die ich für die nächsten acht Tage bewußt aufnehmen konnte. Wieder mußte ich wochenlang das Bett hüten, denn meine Niere wollte sich einfach nicht ihrer Pflichten besinnen. Erst um den Hl. Nikolaus herum konnte ich wieder aufstehen. Auf spriezligen Beinchen schritt ich ihm entgegen. Der Dr. Siegl aber sagte, daß an eine Reise nach Chemnitz nicht zu denken sei, da müßte ich erst wieder Fleisch auf den Rippen und Farbe im Gesicht haben. —
So kam es also, daß Mama und ich daheim bleiben mußten. Am Tag vor Weihnachten kam in aller Frühe wiederum Herr Ondraček. Er holte Vater und Heini zum Zug ab. Mama schickte manchen Seufzer und etliche Tränen hinter ihnen her, denn sie konnte immer nur dann ruhig und zufrieden sein, wenn sie ihre beiden Gluckerln — nämlich Heini und mich — zusammen um sich piepsen hörte. Außerdem war ihr aufgefallen, daß Heinis rote Wänglein ganz plötzlich weiß geworden waren. Das konnte vielleicht doch nicht nur am Reisefieber gelegen haben. „In Gottes Namen!" flüsterte Mama. „Hoffentlich geht alles gut!" Dann nahm sie mich wohlig warm in die Arme und sagte: „Komm, wir backen Christbaumstückerln!"
Es war herrlich. Ich durfte naschen und mit der Stricknadel Löcherln in die Herzerln, Monderln und Sternerln zum Aufhängen stechen. Und als es so richtig schön nach Weihnachten duftete, stand plötzlich meine gute Großmutter da. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, hatte einen Buckelkorb auf dem Rücken und viel frische Schneeluft mitgebracht. Ihr kleines Gesicht war rotgefroren und umrahmt von unzähligen Glitzersteinen, die der Reif in das flauschige Kaschmirtuch gehängt hatte. Ich war außer mir vor Freude. Mama brühte schnell russischen Tee, und Großmutter fieselte mit klammen Fingern die Schnürstiefel auf. Der Tee, in den Mama nicht nur Milch und Zucker gegeben, sondern auch ein doppeltes Stamperl Rum gegossen hatte, machte meine Großmutter sehr schnell munter und gesprächig.
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
