Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 196
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Práh dveří

Der Trittstein

Der Trittstein

Nie hätte ich geglaubt, daß beim Wiedersehen mit der Heimat so viele Erinnerungen geweckt werden würden. Sie waren eben doch nicht ganz im Dunkel der Vergessenheit versunken gewesen, sondern nur durch die Jahre ein wenig zugedeckt worden. Und nun genügte ein Baum, ein Blümchen, ein Hügel oder ein Stein, damit manch alte Bilder wieder zurückkamen. Jawohl, auch ein Stein war dabei!

Er war einmal der Trittstein vor Onkel Franzens grüngestrichener Haustür gewesen. Groß und breit hatte der Granitquader dagelegen, und jedermann, der ins Haus wollte, hatte auf ihn steigen müssen. Von ungezählten Füßen ist er in endlos langer Zeit abgeschliffen und ausgetreten worden. Die Mauern des Hauses sind inzwischen gefallen, doch er ist noch da. Ich habe ihn sofort wiedererkannt, obwohl er teilweise von guter Humuserde überlagert war.

Vorsichtig schob ich sie beiseite, wobei ein paar Tränen auf ihn fielen, denn er ist jetzt der Gedenkstein meiner geliebten Kindertage geworden.

Wie wunderbar war es einst auf ihm zu sitzen und zu träumen, während die Morgensonne über das Gesicht streichelte, die Bienen im Garten summten, und Marianne an den „Fleißigen Lieserln" vorbei aus dem Fenster rief: „Mia kumma glei!"...Von hier aus sind wir sonntags in die Kirche gegangen oder zur Fronleichnamsprozession. Meistens waren wir eine große Schar fröhlicher Buben und Mädchen. Und fein hatten wir uns immer gemacht — dem Hergott zur Ehre und uns zur Freude. Damals war nämlich der Sonntag noch ein Festtag. — Wenn wir zum Baden wollten, dann trafen wir uns auch beim Trittstein vor der grünen Tür. Dort wurde es angenehm kühl, sobald die Sonne über den Mittag hinaus war, wenngleich die Hitze über den Boden zitterte. In unseren Taschen trugen wir Badezeug, viele Butterbrote und etliche Flaschen voller Malzkaffee. Auf dem Weg ins Tal sammelten wir noch Erdbeeren dazu. Es ist nicht zu beschreiben, wie gut es uns nachher an der plätschernden Tepl unter den schattigen Erlen geschmeckt hat. —

In der Schwarzbeerzeit sagte meine Großmutter jedes Mal, daß wir schon selber die Beeren holen müßten, wenn wir einen Kuchen haben wollten. Und weil Tante Agnes ganz ähnliche Worte an ihre Kinder richtete, war es klar, daß wir mit Marianne und Franzl gemeinsam in den Wald gingen. Dazu trafen wir uns natürlich wieder beim Trittstein, und das bereits beim Gebetsläuten um sechs Uhr in der Frühe. Dann marschierten wir los und sangen aus voller Brust, daß unsere Stimmen von Berg zu Berg hallten. Während Marianne das Plescherl stets als Erste voll hatte, war bei meinem Bruder Heinrich der Plescherlboden gerade mal bedeckt. Viel zuviel hatte er verschluckt. Um rechtzeitig wieder daheim sein zu können, zupften wir dann vereint sein Plescherl voll, derweil er sich so manches Mal unter Stöhnen den Bauch halten mußte. Bis wir zum Trittstein kamen, hatte Heinrich keine Beschwerden mehr und Platz für den guten Schwarzbeerkuchen geschafft.

Seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert stürmische Weltgeschichte vergangen. Trotzdem sehe ich den Onkel Franz noch immer auf seinem Trittstein stehen, als ob überhaupt nichts vorgefallen wäre. Die blaue Schusterschürze hat er umgebunden und den Scheitel mit dem Lineal gekämmt. Ich sehe ihn auch in der ledernen Motorrad-Adjustierung und der Schutzbrille auf der Stirn, und ich sehe ihn als Feuerwehrhauptmann in der schmucken Uniform mit reichem Messingglanz. Auf jedem dieser Bilder lächelt der Onkel Franz mit viel Schalk um den Mund und viel Fältchen um die Augen.

Und ich sehe auch die Tante Agnes auf dem Trittstein stehen, rosig und appetitlich, ganz so, wie in dem egerländer Liedchen: „Schöi rund im Gsicht, schöi dick in da Mitt, sua mou ma Moiderl sa!" Tante Agnes war eine gute Mutter und eine tüchtige Hausfrau. Sie redete nicht viel, dazu fehlte ihr die Zeit. Von früh bis spät schaffte sie, wurde dabei noch rosiger und scheinbar nie müde. Wenn der Duft ihres Kuchens oder ihrer Liwanzen durch das Weinhartgasserl übers Fliegelbergerl bis zur Baumann-Mouhm kroch, dann schlichen wir zum Trittstein und warteten. Irgendwann machte die Tante unserer Qual ein Ende und rief hinter den „Fleißigen Lieserln", daß wir reinkommen sollten. In weiser Voraussicht zweigte sie immer einen Teil ab, wir hätten sonst alles aufgegessen.

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