Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 195
/ 32
česky německy obojí klasické zobrazení →
Sken listu 13
Masaryk a sudetští Němci

Masaryk und die Sudetendeutschen

Von Harry Hochfelder, London

Die folgende Betrachtung geht auf eine Anregung des tschechischen Philosophen Professor Dr. Karel Mácha zurück, der vor kurzem bei der „Freien Gesellschaft zur Förderung der Freundschaft mit den Völkern der Tschechoslowakei" einen Vortrag über das Thema „T. G. Masaryk und der 28. Oktober 1918" hielt und an einem Buch arbeitet, worin er sich kritisch mit Masaryk auseinandersetzt. Mácha war Dekan der Philosophischen Fakultät der Tschechischen Universität in Prag und ging 1978 nach München, wo er jetzt lebt.

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele dafür, daß Menschen lange Jahre hindurch mit Eifer und Hingebung ein Ziel verfolgen und am Schluß entdecken, daß sie das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie erstreben wollten. Die russischen Juden, eine äußerst fähige und hochwertige Gruppe von Menschen, haben in diesem Jahrhundert zu zwei bedeutsamen Entwicklungen einen entscheidenden Beitrag geleistet, zum Sieg des Kommunismus in Rußland und zur Gründung und zum Aufbau des Staates Israel. Der Staat jedoch, den ein beträchtlicher Teil der russischen Juden heute verlassen möchte, ist die Sowjetunion, und der Staat, in den 90 Prozent der Auswanderer von dort nicht einwandern will, ist Israel.

Masaryks Denken hat religiöse Wurzeln, es wurzelt in der tschechischen Reformation des Jan Hus. Die Suche nach Wahrheit, die sich Masaryk als oberstes Ziel gesetzt hat, war in erster Linie Suche nach religiöser Wahrheit, Suche nach einem Christentum, das reiner und unverfälschter sein sollte, als die in Böhmen landläufige Form, ein Glaube auf der Grundlage der Vernunft. Was war das Resultat? Nach Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 kehrte ein großer Teil der tschechischen Intelligenz dem Christentum in jeder Form den Rücken und wurde konfessionslos. Hatte die Wahrheit gesiegt? Oder die Vernunft? Es war kein Zweifel, daß die tschechischen Intellektuellen, die zum übergroßen Teil Atheisten oder Agnostiker oder bestenfalls sehr lauwarme Christen geworden waren, sich darin mit Masaryk im Einklang fühlten.

Wie vertrug sich Masaryks Humanismus und Liberalismus mit seiner Haltung zur „tschechischen Frage", mit der er sich in den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts intensiv beschäftigte? Liberalismus und Nationalismus gingen 1848 Hand in Hand, die Trennung vollzog sich erst später. Masaryk wandte sich zwar gegen nationalistische Auswüchse in der Frage der Königinhofer Handschrift und im Ritualmordprozeß. Aber die „tschechische Frage" ist bei ihm ein alles andere überschattendes zentrales Problem, eine Frage sui generis, und man gewinnt den Eindruck, daß er in den Tschechen ein „auserwähltes Volk" sah, ein Volk mit einer Sonderaufgabe, mit einer nationalen Sendung in der Geschichte.

Wenn man die tschechische Frage rückblickend von heute in einem größeren Rahmen betrachtet, so erscheint sie weniger als eine Frage sui generis, sondern als ein Teil der europaweiten Tendenz kleinerer Völker, sich stärker zu profilieren. Das war verbunden mit sprachlicher Erneuerung und mit Bestrebungen, mehr über die Geschichte und Kultur des eigenen Volkes ausfindig zu machen und dieses Wissen zu pflegen. Auch die größeren Völker hatten kurz zuvor eine ähnliche Entwicklung mitgemacht. Diese Tendenzen hatten entscheidende Impulse von der Französischen Revolution und von der Romantik erhalten. Die Stärkung des nationalen Selbstbewußtseins bei den Tschechen führte keineswegs von vornherein zu einem deutsch-tschechischen Gegensatz, ganz im Gegenteil, viele Deutsche — nicht nur Johann Gottfried Herder — sympathisierten mit den Tschechen und anderen slawischen Völkern und leisteten sogar Beiträge zur Erweckung ihres Nationalbewußtseins.

Bei Masaryk war die Lösung der tschechischen Frage gleichbedeutend mit der Gründung eines eigenen tschechischen Staates. Der Erste Weltkrieg bot ihm die Gelegenheit, diesen Plan zu verwirklichen. Auch darin folgte er dem allgemeinen Zug der Zeit. Die Landkarte Europas nach dem Ersten Weltkrieg war voll von Kleinstaaten. Diese Entwicklung mag uns

věta pokračuje na dalším listu ⟶

list 13 z 32
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.