Horní Slavkov aufzufüllen. Rechter Hand dehnt sich ein riesiges Feld bis nach Gfell und bis zum „Sand".
Der Galgenberg war plötzlich hoch und schaurig vor unserer Windschutzscheibe, und dann fuhren wir noch ein großes Stück durch die traurige Landschaft. Als ich schon glaubte, wir kämen nie nach Poschitzau, da führte das Sträßchen plötzlich in den Grund. Es endete in einer Oase aus hohen Bäumen und dichtem Buschwerk. Zwischen den Blättern leuchteten die weißen Mauern von drei oder vier hübschen Häuschen. Und wenn nicht gerade Hühner gegackert und Enten geschnattert hätten, dann hätte man glauben können, die kleine Oase liegt im Dornröschenschlaf. Jeder Versuch, noch weiter vorzudringen, scheiterte an Sumpf und Buschwerk. Unter solchen Umständen konnte ich jenes Fleckchen Erde, auf dem mein Leben seinen Ausgang genommen hat, nicht finden. Nun fuhren wir endlich nach Gfell.
Gleich erkannte ich die Mauerreste vom Moderhof und den Oberen Teich, der jedoch nur noch ein veralgter Tümpel ist. Dicht und hoch wölbt sich ein dunkles Blätterdach über die Ruinen des Dorfes, über Dornenhecken, Brombeer- und Holundergestrüpp, über hohem Gras und niederen Waldklee und über die Wassergräben am steilen Hang. Hans parkte den Wagen beim Kriegerdenkmal. Sonderbar, daß dieses allein hat stehenbleiben dürfen. Jemand hat sogar den Platz ringsherum gerodet und den Stein gründlich gesäubert. Jeder Name, jedes Wort und jede Zahl ist deutlich zu lesen. Männer und Frauen, die in der Nähe arbeiteten, nickten kurz, sagten jedoch kein Wort. Im oberen Dorf arbeiteten ebenfalls zwei Ehepaare. Als wir über das „Fliegel-Bergerl" kamen, entdeckte ich gleich die Fundamente des Weinharthauses. Auf ihm hat man begonnen, aus Ruinensteinen die neue Mauer hochzuziehen. Der nahe Brunnen ist mannshoch mit kopfgroßen Steinen gefüllt, und darüber spiegelt sich im klaren Wasser das dunkle Blätterdach. Nun erst wagte ich den Blick zu den Resten des Dicklhofes. Eine starke Wand des Wohnhauses und eine des Austragshäuschens, in dem meine Großmutter gewohnt hatte, konnte ich eindeutig bestimmen, aber hinkommen konnte ich nicht. Zehn Meter vor dem Ziel mußte ich aufgeben, — sumpfiges Gras, kriechende Zweige und wirres Geäst hielten mich zurück. Dabei hätte ich so gerne gewußt, ob der Backofen noch steht. Erschüttert und voller Wut ging ich weg und wollte von Gfell nichts mehr sehen. Zwei Tage später — es war auf der Heimfahrt, — brachte uns Hans dann doch noch einmal nach Gfell und auch nach Schlaggenwald. Der Himmel war freundlicher geworden. Die Welt sah zwar heller aus, aber trotzdem nicht heiterer. Auf der Fahrt durch Horní Slavkov trafen wir Kindergartenkinder mit blassen Gesichtchen und traurigen Augen, in Schlaggenwald begegnete uns ein Müllwagen, und auf der Gfeller Höhe sahen wir nur die trostlos weiten Stoppelfelder. In Gfell grub ein Mann Wurzeln aus, seine Frau kochte über offenem Feuer das Mittagessen. Sie hatten ein Zeltdach über Tisch und Stühle gespannt. Ein kleines himmelblaues Auto stand davor. Der Mann und die Frau grüßten mit einem kleinen Lächeln. Ich wollte versuchen, von Schönhansels Seite her an die Dicklmauern zu gelangen. Während mein Mann und die Kinder andere Möglichkeiten zu finden hofften, schloß Andreas sich mir an. Er wollte mir ja so gern helfen! Dabei verschwand er oft hinter solch hohen Gräsern, daß ich bloß noch sein helles Haarschöpflein sah. Da bekam ich Angst, er könnte in einen verborgenen Brunnen fallen. Unsere Mühe war außerdem umsonst. Als ein riesiger Traktor über die Höhe getöst kam, liefen wir zu den anderen zurück.
Hans war inzwischen mit der Frau vom Zeltdach ins Gespräch gekommen. Sie war sehr nett und sprach fließend deutsch. Wir hörten von ihr, daß ihre Mutter eine Deutsche sei, daß ihnen in Gfell diese Parzelle zugeteilt worden wäre, daß die Familie noch in Falkenau wohnen würde, daß aber sie und ihr Mann jede freie Stunde auf dem Grundstück seien. Im Keller hätten sie sich zwei Betten und den Fernseher aufgestellt. Mittlerweile würde ihnen dieses Stückchen Erde so viel bedeuten, daß sie es nicht mehr verlassen wollten. Ob sie jedoch ihr Häuschen selbst vollenden werden können, das sei die große Frage. Da dachten wir an den Kaffee, die Schokolade und Bananen in unserem Kofferraum. Als die Frau alles auf ihrem Tisch liegen sah, schimmerten Freudentränen in ihren Augen. Von der Straße aus sahen wir sie und ihren Mann noch lange winken. In Eger warf die Sonne bereits lange Schatten. Hans ging in einen schmalen Buchladen. Dort wollte er unsere letzten Kronen los werden. Wir schländerten mittlerweile über den Marktplatz. Kümmerliche Kübelpalmen, die auf ihm verteilt stehen und wahrscheinlich südliche Atmosphäre verbreiten sollen, konnten wir nur von Herzen
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