Da kam das Telegramm. Die Kinder wagten nicht, es zu öffnen. Sie standen davor und starrten auf den Tisch, auf dem es lag. Erst als der Vater heim kam, erfuhren sie, was darin geschrieben stand. Der Vater las es zitternd vor. Sie konnten nicht glauben, was sie hörten. Sie wollten es nicht glauben und wehrten sich dagegen. Ihre Mutter, die vor wenigen Tagen gesund und fröhlich abgereist war, durfte nicht tot sein! Es muß sich um einen Irrtum handeln! vielleicht ist es die Mutter des Schwiegersohnes? Vielleicht, vielleicht . . . Alle klammerten sich an eine Hoffnung, nur Theresia konnte es nicht. Sie schluchzte, bis die Erschöpfung ihre brennenden Augen schloß.
Leider war es kein Irrtum gewesen, die Mutter war wirklich gestorben. Ein Blitzschlag hatte sie getötet. Auf dem Friedhof in Neusattl wurde sie beigesetzt.
Die Heimkehr war für Vater und Kinder ein erneutes Aufflackern des Schmerzes. Nun mußte Marie wirklich dem Haushalt vorstehen. Es war eine schwere Aufgabe für das Mädchen. Bald kam es mit der Arbeit nicht mehr nach. Vieles mußte liegen bleiben.
Da kam eines Tages der Großvater zu Besuch. Er war ein guter Mann, der es ehrlich meinte. Nachdem er sich in der Wohnung umgesehen hatte, erklärte er frei heraus, daß Marie noch zu jung sei, sie könne noch nicht eine Hausfrau ersetzen und schon garnicht eine Mutter. Die Kinder müßten wieder ihre Ordnung haben. Und dann sagte er noch zum Vater, daß er eine nette, saubere Frau in der Verwandtschaft wüßte. Sie sei Witwe und hätte einen braven Buben. Ob sie der Vater nicht einmal ansehen wolle? Aber der Vater wollte nicht. Es wäre alles noch so frisch, er brauche Zeit. Der Großvater ließ jedoch nicht nach. Er drängte und drängte. Schließlich brachte er es fertig, daß es zu einem Treffen kam. Die Frau zeigte sich dabei sehr freundlich und versprach, den Kindern eine gute Mutter zu sein. Da war der Vater einverstanden, daß bald Hochzeit sein würde. Sie fand in aller Stille statt.
Eines Tages kam die Stiefmutter samt Bübchen. Der Junge war ein liebes, friedfertiges Kind. Die Frau aber war ein Satansweib. Theresia merkte es gleich, und die Kinder bekamen es bereits am ersten Tag zu spüren. Sobald der Vater anwesend war, zeigte sie sich freundlich, wenn er aber das Haus verließ, dann ging die Hölle los. Sie mißhandelte sogar die kleine Herma, die erst zwei Jahre alt war. Und alle mußten hungern. Der Vater durfte nichts erfahren, sonst wäre es ihnen noch schlimmer ergangen, so war es ihnen jedenfalls angedroht worden.
Doch eines Tages wurde die böse Stiefmutter hart bestraft. Ihr schönes, blondgelocktes Kind wurde krank, schwer krank. Sie mußte zusehen, wie der arme Junge litt und vermochte ihm nicht zu helfen.
Dieser Nackenschlag konnte das Hexenweib aber trotzdem nicht läutern. Ihr Sadismus schien noch gewachsen zu sein. Endlich erzählten Nachbarn dem Vater von ihrer Grausamkeit. Er trennte sich zwar nicht von ihr, denn er war ein gottesfürchtiger Mann, aber er blieb ihr gegenüber für immer stumm. Bald danach begann sie zu kränkeln. Theresia pflegte sie vier Jahre lang . . .
Im Blütenalter von siebzehn Jahren zog Theresia in die Welt hinaus. Sie nahm ihre jüngere Schwester mit. Emilie hieß das Mädchen. Beide hatten eine harte Schule hinter sich und konnten arbeiten. Auf ihrer Irrfahrt kamen sie durch Sachsen. In einer großen Stadt fanden sie gute Arbeit und Verdienst. Sie mieteten sich eine kleine Wohnung unter dem Dach und lebten zum ersten Mal wieder in Ruhe und Frieden. Eines Tages lernten sie ein Mädchen kennen, das aus dem Egerland stammte. Sie mochten sich sofort und gewannen Vertrauen zueinander.
Maria, so hieß die neue Freundin, nahm die Schwestern mit in einen Zirkel, in dem sich nur junge Leute aus „Deutschböhmen" trafen. Es wurden gesellige Abende und Gartenfeste veranstaltet und Ausflüge unternommen. Einmal brachte Maria ihren Bruder mit. Theresia fühlte sich bald zu ihm hingezogen. Seine frische, draufgängerische Art gefiel ihr. Er sah auch gut aus und war belesen. Daß er oft ungeduldig sein konnte, ertrug sie mit Nachsicht. Auch der junge Mann fand Gefallen an dem Mädchen. Es war hübsch, intelligent und bescheiden, nur seine Engelsgeduld irritierte ihn. Damit pochte Theresia ständig an seine Schwachstellen.
Trotzdem fanden sie immer näher zueinander. An einem Frühsommertag im Jahre 1914 fuhren sie heim ins Egerland. Theresia wurde von ihren zukünftigen Schwiegereltern freundlich aufgenommen, obgleich diese sofort gefühlt hatten, daß sie eine völlig fremde Wesensart mitbrachte. Schon im Juli gab es Hochzeit. Wenige Wochen später brach der Erste Weltkrieg aus. Bald war Theresia wieder allein. Ihr Mann wurde Soldat, und sie bangte vier Jahre lang um ihn. Sie betete, daß er wieder heim kommen möge.
[
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
