Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 182
/ 32
česky německy obojí klasické zobrazení →
Sken listu 17
Především dochvilnost

Bei meinem zittrigen Vorspiel erkannte man sehr schnell, daß ich aufgeregt und zerfahren war. Die Hände waren feucht und klebrig, dauernd griff ich in die falschen Tasten. Meine Lehrerin wollte wissen, was ich hätte. Da sprudelte ich meine ganze Angst hinaus, ich konnte sie nicht mehr für mich behalten. Es war eine Explosion, und es war eine Erleichterung. Plötzlich fand ich mich am weichen, warmen Busen meiner Lehrerin wieder. Nachdem sie mir die Tränen fortgewischt hatte, schickte sie mich sofort heim. Sie half mir noch beim Schuheanziehen und drückte mir die Schulmappe in die Hand. Der Hubertusmantel hing feucht und schwer auf meinen mageren Schultern. Aber ich lief trotzdem, so schnell ich nur konnte und ohne Pause. „Nur kein Seitenstechen bekommen!" dachte ich immer wieder. Ich rannte die Hans-Heilingstraße entlang und nützte jede Abkürzung, auch die winzigste. Als ich in Donitz zum Bahnübergang kam, schlug irgendwo eine Uhr dreiviertel. Ungefähr dreihundert Meter hatte ich noch bis zur Eger. Auf diesen dreihundert Metern überlegte ich mir, daß ich pünktlich daheim sein könnte, wenn ich den Weg über das Eis des Flusses wagen würde. Dagegen käme ich auf jeden Fall zu spät, falls ich den Umweg über die Brücke wählen sollte. Da entschloß ich mich tatsächlich, den gefährlichen Weg zu nehmen. Schnell überstieg ich das Holzgeländer an der Uferböschung und rannte runter zum Fluß. Vorbeigehende Passanten blieben stehen und begannen zu schreien, daß ich sofort umkehren solle. „Ach Gott, ach Gott!" rief eine Frau, „dös Kind göiht ins Wasser! Dös dasafft, touts doch wos!" Aber mich konnte nichts und niemand mehr aufhalten. Eilig trat ich auf die Eisfläche, die bereits wadenhoch überschwemmt war. Mit einem kurzen Blick nach rückwärts sah ich, daß ein junger Mann über das Geländer sprang und den Hang runterrutschte. Er erreichte mich nicht mehr, ich war bereits in Flußmitte, und der Schritt auf das Eis schien ihm zu gefährlich. Das Schreien der Leute ging im Rauschen der Fluten unter, die beim nahen Wehr herabbrausten.

Plötzlich knirschte, zitterte und wogte es unter meinen Füßen, daß ich vor Angst und Schreck zum Himmel flehte: „Lieber Gott, laß mich noch nicht sterben, ich will noch leben, ich will noch leben!!!" Ich fühlte deutlich, daß mein kleines Leben von einer starken Hand gehalten wird. Langsam ebbte die Erschütterung ab. Vorsichtig, Schritt um Schritt tastete ich mich weiter. als ich dann endlich den Fuß auf festes Land setzen konnte, erging es mir beinahe so wie dem Reiter vom Bodensee. Das Grauen erfaßte mich, ich torkelte und stürzte halbtot in den Schneematsch. Das Blut hämmerte in den Ohren, und ich rang nach Luft. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder aufstehen konnte. Inzwischen hatten sich die Leute von ihrer Erstarrung befreit und kamen über die Brücke gelaufen. Sie schrieen wieder und fuchtelten mit den Händen. Ich bekam Angst vor ihnen. Da nahm ich meine Mappe mühsam hoch und torkelte schleifend das letzte Stück Weg heim.

Dort wartete tatsächlich schon voller Ungeduld mein Klavierlehrer. Er saß beim Tisch und rauchte nervös seine Pfeife. Er legte sie aber sofort beiseite, als er mich sah. Ich muß ausgesehen haben wie eine wandelnde Leiche. Jemand hob mich hoch und brachte mich ins Bett. Später erfuhr ich, daß es mein Vater gewesen war. Während der schweren Fieberanfälle, die ich in der folgenden Nacht hatte, war es mir, als ob es um mich herum rauschen, tosen, krachen und donnern würde. Und wirklich, auf der Eger tobte ein Eisgang von gewaltigem Ausmaß. Riesige Eisplatten waren über das Ufer geschleudert worden, wo sie noch anfangs Mai, die Birken hatten schon ihr zartes Frühlingskleid angelegt, vor sich hintauten. Viele Leute waren damals an den Fluß geeilt, um dem imposanten Schauspiel zuzusehen. Am folgenden Morgen kamen die Kinder, um die unzähligen Fische einzusammeln, die erschlagen worden waren.

Mit meinem Beitrag zur Masaryk-Feier war natürlich nichts geworden. Ich lag an diesem Tag immer noch auf meinem Krankenlager und war „zaunageldürr" geworden. Mein Vater hatte inzwischen erfahren, was geschehen war. Er zeigte sich darüber dermaßen erschüttert, daß er sofort seine Pünktlichkeitsprinzipien durchforstete und bei ihnen beträchtliche Abstriche machte. Er versicherte mir immer wieder, daß ich mir diesbezüglich keine Sorgen mehr machen solle. Das nützte aber nicht mehr viel, denn was mir mit großer Strenge anerzogen worden war, konnte ich nicht mehr lassen. Bis heute nicht.

Mein armer Klavierlehrer war ebenfalls so von Schreck und Sorge gerüttelt worden, daß er fortan geduldig meiner harrte. Und er schimpfte nur sehr selten, wenn ich in die falschen Tasten griff.

So hatte das gefährliche Abenteuer doch noch etwas Gutes für mich gebracht. Aufs Eis bin ich seitdem nicht mehr gegangen.

Hermine Walter, geb. Palm

věta pokračuje na dalším listu ⟶

list 17 z 32
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.