Böhmische Impressionen
Von unserer Reise vom 13. - 16. Juni 1984
Land unserer Liebe, unseres Leides — Böhmen! Herzland Europas, für das unsere Herzen heute noch schlagen.
Land der verschlossenen, verfallenden Kirchen, deren Priester nicht mehr Arbeiter im Weinberg Gottes sind, sondern Handarbeiter, die sich mühen zerbröckelndes Gestein zu erhalten.
Land der vergessenen Heiligen, die ohne Licht und Blumen noch auf Brücken, an Wegen und auf Bergen stehen. Sie sind grau geworden und beginnen zu zerfallen. Manche haben keine Hände mehr zum Segnen.
Land der großen Plätze in den alten Städten, auf denen einst Recht gesprochen, Münzen geprägt, Kaiser, Könige und Bischöfe empfangen wurden und durch die festliche Prozessionen zogen. Heute sind sie nackt und leer und werden nur spärlich von hastenden grauen Menschen überquert.
Land der aufgerissenen, durchwühlten Erde, aus deren großen Wunden giftige Dämpfe kommen, die alles vernichten und aufwärts steigen zu den Gipfeln unserer Berge und die Wälder töten, so daß unsere Heimat das Land der sterbenden Wälder wird.
Doch wie eine Mutter ihr krankes, behindertes Kind leidenschaftlich liebt, so lieben auch wir noch dieses Land, das nun fremde Namen trägt. Lieben es mit einer Besessenheit, ja Tollkühnheit, für die es keine realistische Erklärung gibt. Wir lieben und hoffen. Und weil wir lieben und hoffen, so sehen wir auf unserer Fahrt auch all' die Schönheit dieses Landes.
Denn noch immer durchziehen die Flüsse, gleich silbernen Bändern Böhmen und Mähren, und wir kennen ihre Namen: Donau, March, Sazava, Moldau, Elbe, Eger. Und sie sind für die alten Burgen, Schlösser und Ruinen Spiegel der Vergangenheit.
Gleich den Flüssen schlingen sich auch die grünen Bänder dunkler, duftender Alleen durch die Ebene und sind deren Zeichnung und Zier. Neben ihnen grünt der Wein, blühen verschwenderisch Holunder und roter Mohn.
Auch finden wir noch Kirchen und Gnadenstätten, die uns eintreten lassen und uns mit ihrer gotischen und barocken Pracht beglücken. Manchmal sogar schweben zarte Orgelklänge durch die Gotteshäuser, in denen fast keine Beter waren.
Und wenn dann unsere Kirchenlieder aufstiegen zu den wundertätigen Madonnen, den hölzernen Kreuzen und gedunkelten Altarbildern, so ist es mir immer, als kehre ein wenig von unserem Deutschtum, von unserem Glauben in dieses Land zurück.
Was wäre wohl näherliegend in den pfingstlichen Tagen jetzt als den Heiligen Geist zu bitten mit seinen Stürmen und Feuern dieses Land zu durchbrausen, um geschlossene Türen und verschlossene Herzen zu sprengen?
Oder sind diese hart arbeitenden Priester, die Nonnen, die Heu wenden und die Ordensgeistlichen im einfachen Gewand, die in einer Sakristei niedrige Dienste tun, nicht schon die Vorboten des Heiligen Geistes?
Auch läßt man diesen großen leeren Plätzen ihre einst prunkvollen Dreifaltigkeits-, Marien- und Pestsäulen. Wenn Menschen auch nicht mehr vor ihnen beten oder zu ihnen aufschauen, so sind sie doch wohl noch für manche ein Erinnern an ihren Kinderglauben. An einigen dieser Säulen sah ich manchen Heiligenschein neu vergoldet und sie zogen wie ein kleines Licht die Blicke an.
Auch manches Schloß hat wieder seine Tore und Säle geöffnet und zeigt erlesene Pracht vergangener Zeiten. Eine Märchenwelt für viele.
Mich selbst durchströmt ein großes Glücksgefühl als ich zum ersten Mal auf den riesigen Kahlschlägen unserer Wälder junge Pflanzbäumchen sah. Eine grünende Hoffnung, meine große Hoffnung.
Diese Gegenwart mit ihrem schmerzlichen und auch wieder hoffnungsvollen Erleben schmückt nun noch unsere Erinnerung an Kindheit, Jugendzeit aus, und Städte, Dörfer, Plätze und Straßen erstrahlen für uns in altem Glanz. Wir sind trotz allem wieder daheim in diesen Junitagen auf unsrer Fahrt durch böhmisches und mährisches Land, dem Land unserer Liebe und unseres Leides.
DELA
(Den ersten Teil habe ich für die Pessimisten, den zweiten für die Optimisten geschrieben).
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