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bis der Großonkel kam. Das einschmeichelnde Aroma war durch alle Türritzen gezogen, und das Geschirr hatte einladend geklungen, außerdem wollte er wissen, wer gekommen war. So stand er plötzlich vor uns, frisch und rosig, mit glänzenden Augen und lachendem Mund. Über seinem blütenweißen Hemd hing ein gelbes Maßband. Er war Schneidermeister. Er begrüßte uns herzlich und sagte „Tante Kathi" zu meiner Großmutter. Man sprach in diesem Hause nicht die urwüchsige Mundart unserer Heimat, wie man überhaupt die gesamte Lebensweise mit einem liebäugelnden Seitenblick auf die vornehmen Kurgäste ausgerichtet hatte. So war besonders die Sprache eine Synthese aus Schriftdeutsch, Egerländerisch, Wienerisch und Schwejkdeutsch eingegangen. Das kam auch daher, weil der Großonkel seine Militärzeit im schönen Budweis abgeleistet hatte.
Nun setzte er sich zu uns an den Tisch, fragte nach dem werten Befinden, neckte mich wegen meiner Sommersprossen und der Stupsnase und naschte vom Teegebäck. Alle halben Stunden, mittenhinein in die schönste Unterhaltung, schepperte die „Original-Schwarzwaldkuckucksuhr" über Großtantes Kuschelplätzchen. Der unverschämte Vogel riß jedesmal lautstark sein Fensterl auf und plärrte die Zeit ins Zimmer. Noch ehe sich meine Großmutter von ihrem Schreck erholen konnte, war der Spuk wieder vorbei. Verärgert sagte sie: „Sua a damischa Vuagl! Dean höite scho längst assegschmissn!" Darüber war die Großtante sehr betroffen, denn die Uhr war ein Geschenk ihres Sohnes Hansi, der unten im Kurviertel bei einem Juwelier das edle Handwerk eines Uhrmachers erlernt hatte.
Leicht mokiert sagte sie: „Aber Kathi, so wos konnst doch net sog'n, denn dös ist ein kostbares Andenken von meim Hansi!" Und dann begann sie von ihrem Liebling Hansi zu erzählen, bis wieder der verdammte Vogel sein Fenster aufriß, und das Spiel von neuem begann. Ich hatte mein schönstes Vergnügen dabei, voller Ungeduld wartete ich von seinem Auftritt bis zum nächsten. Mein Großonkel schien dabei ungerührt zu sein, ich sah aber doch, wie seine Augenfältchen fröhlich zuckten. Er war eben ein stiller Genießer. Die Ehe mit der „Mutter", wie er seine Eheliebste nannte, war ruhig und friedlich, sie war ohne Eifersucht und ohne Dramatik bis dahin verlaufen. Die Großtante hatte schon sehr früh die Weisheit des Alters gewonnen, beide Augen zugedrückt und ihrem quicklebendigen Gatten keine Freude beschnitten. Sie war frohgemut im Schutze ihrer Kaffeemaschine und schaute aus dieser gehobenen Sphäre auf die kleinen Ausrutscher ihres Angetrauten hernieder. Das Schicksal hatte sie niemals mit viel Glück verwöhnt, aber sie schien zufrieden und klagte nie.
Als dreizehnjähriges Mädchen hatte man sie von Theusing nach Karlsbad gebracht, wo sie Modistin werden sollte. Die Meisterin bekam in reiferen Jahren noch ein Büblein. Und wie das dazumal noch üblich war, mußten Lehrlinge zur Not auch Kindermädchen sein. Anna wurde gleichfalls dazu auserkoren. Sie wurde ihrer Aufgabe so sehr gerecht, daß es Klein-Emil bei ihr besser hatte, als bei seiner eigenen Mutter. Die Meisterin erkannte das sehr bald mit Genugtuung und verlegte darum ihren Wirkungskreis wieder ausschließlich in die Werkstatt. Sie überließ ihr munteres Söhnlein ganz dem gutmütigen Mädchen Anna. Und bald kam der gesamte Haushalt noch dazu.
Als Annas Lehrjahre zu Ende waren, war sie zwar keine Modistin geworden, aber dafür eine perfekte Hausfrau und Mutter. Sie blieb bei der Familie. Klein-Emil wuchs heran, er kam in die Schule, er kam aus der Schule. Und wenn er seine Lausbubenstreiche verübt hatte, dann legte ihn Anna übers Knie. Das Bürscherl streifte durch die Schulgasse, die Andreas- und Pragergasse, über die Promenaden, und es begann hinter Mädchen herzupfeifen. Dann begann seine Lehrzeit. Sie war hart, mit Seufzern, manchmal auch mit Tränen, und mit Heimweh nach Annas fürsorglicher Wärme.
Nach der Gesellenprüfung gab es keine lange Verschnaufpause. Laut rief die Pflicht für Kaiser und Vaterland. Emil packte sein Kofferl und fuhr schweren Herzens gegen Budweis. Hinter den dortigen Kasernenmauern sehnte sich der Rekrut Emil erst recht nach dem heimischen Herd und nach Annas wohliger Fürsorge. Aber es wurde ihm nichts geschenkt, er mußte sich durch die verwanzten und verlausten Jahre durchexerzieren.
Als er dann endlich dem Elternhaus und vor allem dem angejahrten Mädchen Anna gegenüberstand, wurde er von deren Wärme so überrollt, daß er sie sofort in aller Form vor die beglückende Frage stellte, ob sie nicht seine Gattin werden wolle. Sie, die nun schon wirklich nicht mehr ganz taufrisch war und Heiratspläne beiseite gelegt hatte, erglühte vor Freude und hauchte ihrem Heimkehrer ihre Zustimmung entgegen. Sie schenkte ihm sogar noch drei hübsche und intelligente Kinder. Großtante Anna wurde eine gute und wachsame Gluckhenne,
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