Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 179
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Kde mi vyrostl domov

Wo mir die Heimat wuchs

„In Poschitzau, da ist der Himmel blau,
da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau!"

Diese schlichte Weise, mehr gesprochen als gesungen, klang immer wieder durch meine frühe Kindheit. Dabei hatte ich in ganz Poschitzau niemals einen Ziegenbock gesehen. Ich kannte nur eine einzige Ziege, und die stand lieb und brav in Großmutters kleinem Stall neben dem Haus. Darum wurde ich allmählich böse, wenn mir immer wieder diese alberne Behauptung spottend serviert wurde.

Als mein Vater Mama, Heini und mich nach Meierhöfen holte, weil er dort ein Geschäft gegründet hatte, war ich im zarten Alter von viereinhalb Jahren. Die neue Welt, die sich uns so plötzlich auftat, war voller Unbekanntem und voller fremder Menschen, mit denen wir zusammen in einem Mietshaus wohnten. Sie alle, Vaters Kunden, der Huf-Kaufmann, der Ullmann-Fleischer, der Habl-Schuster und viele andere mehr wollten wissen, woher ich käme. Und wenn ich dann antwortete, daß ich aus Poschitzau sei, dann bekam ich stets das oben zitierte Verschen zu hören und hinterher noch ein Gemecker wie vom Ziegenbock selbst. Der Fleischermeister Ullmann konnte das besonders gut. Dazu kniff er mir noch so in beide Wängelchen, daß ich vor Wut am liebsten sonst etwas getan hätte. Bald sangen und meckerten auch die Kinder hinter Heini und mir her. Erst als die Leute neue Opfer gefunden hatten, ließen sie uns in Ruhe. Das Einleben wurde uns aber wirklich schwer gemacht.

Mama quälte sich im Mitleid mit uns Kindern, und sie sehnte sich wie wir nach Poschitzau zurück. Dort hatte ich von meiner Geburt an nur friedliche Jahre in wohltuender Geborgenheit verbracht.

Was ich von damals selbst nicht mehr weiß oder nicht wissen kann, gebe ich aus Erzählungen meiner Großmutter weiter:

Es war Anfang März, wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Vom nahenden Frühling war noch immer nichts zu sehen und nichts zu spüren. Der Winter hielt das Land noch in seiner eisigen Faust, der Schnee erstickte beinahe die Dörfer. Mühsam wurden die Verbindungswege nach Schlaggenwald freigeschaufelt, und meist waren sie am nächsten Tag wieder zugeschneit und zugeweht. Meine Mama ging nicht mehr vor das Haus. Sie war rund und schwerfällig geworden und erwartete ihre Niederkunft. Alles lag bereit für die „Schwere Stunde".

Eines Nachts, die Welt lag tief im Schlaf, wurde meine Mama von einem ersten rasenden Schmerz geweckt. Sie stand auf, schürte das Feuer an, setzte Wasser auf die Herdplatte und schaute sorgenvoll zum Fenster hinaus. Es schneite. Als sich Mama immer wieder stöhnend an den Leib fassen mußte, entschloß sie sich, meinen Vater zu wecken. Ich begann mit aller Macht zu drängeln und wollte endlich in dieses bewegte Leben. Vater sprang eilig in seine Hose, in den Kalmuck und in die Stiefel. Dann schickte er nach meiner Großmutter. Er selbst machte sich auf den Weg nach Schlaggenwald, um die „Krautzbergerin" zu holen. Sie war dazumal die Hebamme in unserem Städtchen und für die Dörfer ringsherum, eine Frau, die nichts so schnell umwerfen konnte, kräftig und beherzt. Die Krautzbergerin war daheim. „Ich kumm glei!" rief sie, als sie meinen Vater erkannt hatte. Bald trat sie mit ihrer bauchigen Tasche unter die Haustüre. Die Stadt schlief unter tiefem Schnee, und es schneite immer noch. So stapften die beiden Menschen mühsam auf der Straße ins Zechtal. Als sie dieses verließen, um über den Berg nach Poschitzau zu gelangen, war der Neuschnee bereits wadentief. Die Krautzbergerin schleifte ihre Röcke darüber, daß bald Eisklumpen faustdick an den Säumen hingen. Da begann sie zu ächzen und zu jammern. Mein Vater, der nur mittelgroß war und keineswegs eine athletische Gestalt hatte, nahm schließlich die schwere Frau samt Tasche auf seinen Rücken und schleppte diese Last bis ins Dorf. Als er sie vor der Haustüre absetzte, war er völlig erschöpft. Jedoch, er konnte sich nicht ausruhen, denn im Hause herrschte größte Aufregung. Mama litt unsäglich. Eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht dauerte das, bis schließlich noch der Dr. Singer aus dem Schlaf geholt werden mußte. Gegen Morgen kam ich dann „kitzblau" an. Erst nach mehreren Klapsen auf meine Hinterfront brüllte ich los. Mama wäre wachsbleich in ihrem Bett gelegen und hätte gelächelt. Mein Vater aber hätte mich nur mit einem Seitenblick gestreift und dabei enttäuscht festgestellt: „Is ja bloß a Moidl!". Für diese abfällige Bemerkung hätte ich mich in den folgenden Wochen noch bitter gerächt, so erzählte mir es oftmals meine Großmutter. Nachts hätte ich ihn aus den schönsten Träumen geschrieen, und wenn ich seine Stimme hörte, verzog ich bereits greinend mein Mäulchen. Da entfloh mein Vater kurzerhand den familiären Strapazen und zog aus, um sich in Meierhöfen eine Existenz aufzubauen. Damit war

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