Der Stern von Bethlehem leuchtet immer wieder
Es war im tränenreichen Jahr 1945. Ein Tag war nur noch bis zum Hl. Abend. Ich hielt mein Kind an der Hand und stand vor einer fremden Haustüre. Seit zehn Tagen waren wir schon auf verschneiten Straßen unterwegs gewesen, immer hungrig und immer auf der Suche nach einem warmen Plätzchen für die Nacht. Verdreckt waren wir, zerknittert und verbeult, kein freundlicher Anblick. Am Gartenzaun lehnte unser ganzer Reichtum: Ein altes Fahrrad, mit zwei Taschen, einer Decke und einem Kindersitz beladen. Mit diesen Habseligkeiten hatten wir uns aus der Heimat fortgestohlen und über die Grenze gerettet.
Was würde jetzt auf uns zukommen? Ich drückte die Klingel. Wir warteten in Bescheidenheit und Geduld. Die Haustüre war einmal grün gestrichen worden, aber nun war sie verwittert und abgestoßen. Seltsam, daß man sich so etwas merkt. Das Haus gehörte zu einer Arbeitersiedlung, die sich an einer schmalen Gasse langzog. Sie war öd und leer. Gegenüber wurde eine Gardine bewegt, ich fühlte uns beobachtet. Zwischen dem mageren Geäst der Apfelbäumchen im Vorgarten glühte die untergehende Sonne. Mir brannte die Kehle wie Feuer, das Atmen fiel mir schwer und ich sorgte mich um das erschöpfte Kind.
Wir warteten lange. Wir warteten darauf, daß sich diese schäbige Haustüre auftun würde und mit ihr eine freundliche Heimstatt, in der wir uns ausruhen könnten und Essen und Trinken bekämen. Da wurde endlich im Innern des Hauses eine Tür geöffnet, dann schleiften Schritte über den Gang. Rudi, mein kleiner Junge, drängte sich ängstlich an mich, und ich umklammerte ihn schützend. Mit heftigem Ruck wurde die Haustüre aufgestoßen. Vor dem Dunkel des Hintergrundes stand eine große, breithüftige Frau auf ihren pfostigen Beinen. Aus kleinen verkniffenen Augen prüfte sie erst mich, dann das Kind und schließlich unser Fahrrad. Was ich wolle, fragte sie barsch. Ich schluckte meine Angst hinunter und fragte mit ruhiger Stimme, ob ich das Zimmer mieten könne, das sie angeblich frei hätte. Ich hatte es im Dorf von einer Frau gehört. Da reckte sich Frau A. zu ihrer ganzen Größe hoch und ihre schmalen Lippen ringelten sich lächelnd. Eigentlich, antwortete sie gedehnt, vermiete sie nur ungern an Leute mit Kindern, diese würden immer alles kaputt machen. Niemand würde ihr den Schaden ersetzen, alle würden nur ihre Gutmütigkeit ausnützen. Da wir aber nun einmal hier seien, wolle sie es mit uns versuchen, allerdings müßte ich für den Kleinen einen Aufpreis entrichten, denn sonst hätte sie wieder das Nachsehen.
Ich sah die aufsteigende Nacht, das todmüde Kind und ich fühlte meine eigene Erschöpfung. Das Atmen fiel mir schwer. Da konnte ich nicht mehr umkehren. Wir waren schneller im Haus, als ich erwarten durfte. Frau A. schob uns in die Küche. Warmer Dunst und miefige Luft schlug uns entgegen. Es roch nach Kohlenfeuer, Malzkaffee, Schweiß und schlecht gewaschener Wäsche. Auf der Eckbank, im Schein der untergehenden Sonne, saß Herr A., ein stiller gutaussehender Mensch. Seine Augen glänzten jedoch fiebrig, und er hüstelte in sein Taschentuch. Ihm gegenüber hockte faul und breit der dreizehnjährige Sohn des Ehepaars. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, es war im Schatten. Vor sich auf dem Tisch hatte er einen Teller mit dampfendem Grießbrei, darauf Zimt, Zucker und braune Butter und daneben ein Schüsselchen mit Kirschenkompott. Da fühlte ich, wie die kleine Hand meines Sohnes in der meinen zuckte, ich sah die winzige Knabenkehle schlucken und die Kinderaugen in Tränen schwimmen. Mir wurden die Knie weich und vor den Augen tanzten mir schwarze Punkte. Ungerührt blieb der Bengel weiter am Tisch sitzen, schmatzte seinen Brei hinunter und schnalzte mit Daumen und Zeigefinger die Kirschenkerne bis in den Kohlekasten. Frau A. streckte die Hand aus, sie wollte ihr Geld, mindestens eine Anzahlung. Mit einem Seitenblick warf sie Herrn A. die Bemerkung hin, daß sie das Schlafzimmer an mich vermietet hätte. Da bekam der Mann einen solch heftigen Hustenanfall, daß er zu ersticken drohte. Schnell schob uns Frau A. in das angrenzende „Schlafzimmer". Es war ein kleiner Raum mit dumpfer Luft. Die Lampe leuchtete nur notdürftig über den ungleichen Betten. Zwei Nachtkästchen waren noch in die schmalen Gänge gequetscht worden, und ein alter Militärspind stand neben der Türe. Zum Waschen müßten wir in die Waschküche und „aufs WC", wie es Frau A. nannte, bräuchten wir nur über den Hof zu gehen. Außerdem könne sie mir nur die Hälfte des Spindes freimachen, die andere brauche sie selber. Aber ich hätte ja ohnehin nicht so sehr viel Gepäck unterzubringen. Jeder müsse sich bei den heutigen schlechten Zeiten einschränken und hätte Opfer zu bringen. Mir wurde übel. In welches Haus war ich hier geraten? Ich wünschte mir, daß diese Frau endlich aus dem Raum verschwinden würde. Aber ich mußte wenigstens noch etwas für meinen Jungen tun, er brauchte Warmes in seinen leeren Magen. Ich bettelte um ein wenig
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