Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 175
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Sie winkte mir zum letzten Mal

Während ich diese Geschichte niederschreibe, schneit es noch, und die weißen Felder hinter unserem Garten verlieren sich am grauen Horizont.

Wenn Sie, liebe Freunde, diese Zeilen lesen werden, dann ist endlich wieder Frühling und alles, was jetzt dick und schwer zugedeckt ist, grünt und sprießt der Sonne entgegen. Wir feiern dann bald das schöne Osterfest. Die Gedanken werden oft in der Heimat sein. Fröhliche und traurige Erinnerungen werden in der alten Herzenswunde wühlen.

Die Geschichte, von der ich Ihnen heute erzähle, soll Sie bitte nicht traurig stimmen, vielleicht eher ein wenig besinnlich. Sie hat sich zwar schon vor langer Zeit zugetragen, aber in meinem Lebensbuch ist sie noch klar zu lesen.

Ich war damals gerade erst sechzehn Jahre alt geworden, und es war kurz vor Ostern. Die schwere Wirtschaftskrise rüttelte unsere Heimat und fegte manche Hoffnung in die Trostlosigkeit. Auch meine eigene kleine Welt war nicht gerade sonnenbeschienen. In dieser Lage war mir vollständig entgangen, daß wir bereits mehrere Wochen keine Nachricht von meiner Großmutter hatten. Diese Tatsache wurde mir erst mit Beginn der Osterferien bewußt, schlagartig überfiel mich eine heftige Unruhe, und ich wünschte mir deshalb die Erlaubnis meines Vaters, nach Gfell fahren zu dürfen. Da er wegen der herrschenden Arbeitslosigkeit ein besonderes Augenmerk auf das Fortkommen seiner Kinder legte, sah er es am liebsten, wenn ich in den Kurzferien daheim blieb, um zu lernen und zu üben. Er selbst hatte einen sehr schweren Start ins Leben gehabt, weshalb wir es einmal besser haben sollten. Nun kam er aber meinen Wünschen entgegen, denn er schien sich wegen Großmutters langem Schweigen gleichfalls zu beunruhigen. Er trug mir deshalb auf, nach ihr zu sehen.

Es war Gründonnerstag. Mein Ränzlein hatte ich schnell gepackt, und noch zur selben Stunde wanderte ich los. Ich ließ mir nicht die Zeit, nach einem geeigneten Zug zu fragen, weswegen ich von vornherein die Richtung Aich-Pirkenhammer einschlug, um dann den Weg durch das Tepltal nehmen zu können. Je mehr ich mich meinem Ziel näherte, desto heftiger pochte mir das Blut vor Angst und Sorge in den Schläfen. Ich blickte nicht nach links, ich blickte nicht nach rechts, ich trieb mich nur vorwärts. Endlich war ich über den „Katzasteig" hinaus auf dem „Braun Hüwel", von wo ich die ersten Häuser des Dorfes in der Mittagssonne sah. Sie waren mir diesmal nicht so vertraut wie sonst, sie schienen mir fremd und grüßten mich nicht. Zitternd öffnete ich das Gatter beim „Houvler". Und als ich bergauf die Dorfstraße hastete, war es mir, als ob die Gfeller vor mir in ihre Häuser flüchten würden.

Keuchend stand ich vor dem Häuserl, in dem die Großmutter lebte, und schaute zu den Fenstern hinauf. Aber es regte sich nichts dahinter. Während ich bebend über die Steinstufen in das halbdunkle „Virheißl" stolperte, sprengte es mir fast das Herz. Luftringend mußte ich an der Türe stehen bleiben, bevor ich anklopfte. Leise, sehr leise kam die Antwort. Da stürzte ich in die Stube. Meine Großmutter saß auf dem Schammerl vor der geöffneten Ofentür und fror. Über ihr wachsbleiches Gesicht tanzte zuckend der Feuerschein. Erschrocken sprang ich an ihre Seite und fragte: „Bist du krank, Großmutter?" Da lächelte sie und antwortete: „Na! I ho no a wengerl Bauchwöiding." Ich brachte sie trotzdem schnell ins Bett, füllte ihre Kupferwärmflasche und kochte Kamillentee. Ich wunderte mich, daß meine Großmutter alles mit sich geschehen ließ, sie, die sich niemals unterkriegen ließ und in ihrem schmächtigen Körper ungeahnte Kräfte zu besitzen schien. Nun pflegte ich sie, so gut ich konnte, was ihr auch sichtlich wohltat. Währenddessen kam immer wieder die Dicklmutter mit guten Ratschlägen, Milch und Eiern und redete der Kranken mit aufmunternden Worten gut zu.

Statt des Gebetläutens zogen die Ratschenbuben durch das Dorf. Wir hörten ihnen zu, wenn sie beim Kreuz neben Frau Gräfs Garten das „Vater unser" beteten. Großmutter lag still und lauschte. Ich sah nachher die Buben durch die Gasse kommen. Vornean waren die Großen mit ihrem schweren Ratschenkasten über dem Bauch. Sie waren zu meiner Zeit noch als die Kleinen mit einer Rassel hinterher getrippelt. Ich begann zu begreifen, daß meine Kindheit ganz heimlich fortgeschlichen war.

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