Unsere Rennbahn
Unsere Rennbahn
Meierhöfen konnte sich freuen.
Und jeder seiner Bürger hat dies auch getan, denn vor einer Kulisse von grauen Fabriken mit verrußten Schornsteinen grünte am schönen Egerufer die noble Pferderennbahn. Dieser Vorzug konnte nur unserer Gemeinde zuteil werden, weil nirgendwo in der nächsten Nähe Karlsbads sich solch eine ebene Weite bot, wie sie für einen Rennplatz nötig ist. So hatte also eines Tages die Karlsbader Stadtverwaltung uns Meierhöfenern diese reizvolle Perle an das erfreute Herz gelegt, was in der Folge das Selbstbewußtsein nur stärken konnte.
Mein Elternhaus stand ganz in der Nähe der Rennbahn, vielleicht waren es nur hundertundfünfzig Meter. Wenn ich während der Saison nicht gerade meine Ferien bei meiner Großmutter in Gfell verbrachte, dann habe ich kein Rennen versäumt. Diese Tatsache kann niemanden verwundern, wenn man bedenkt, daß mein Vater in seiner Eigenschaft als Malermeister stets den Auftrag hatte, die Anzeigetafel der Rennleitung zu betreuen. Unser Herr Panhans, der u. a. ein flinker und tüchtiger Schriftenmaler war, hatte diese Aufgabe übertragen bekommen, wobei er mit Pinsel und Farbe Angaben ändern mußte, wenn man zum Beispiel zwischenzeitlich die Startfolge anders aufgestellt hatte. Heute würde das alles ein Computer in Sekundenschnelle aufzeichnen, damals aber mußte unser Herr Panhans Blitzarbeit leisten, damit die Besucher, hier in Sonderheit die, die wetten wollten, sich orientieren konnten. Mein Interesse dagegen galt anderen Dingen, für Pferde hatte ich keinen Sinn, besonders auch deswegen nicht, weil mich eines beinahe in die Schulter gebissen hätte. Noch heute sehe ich das zuschnappende Pferdegebiß, dem ich nur mit einem heftigen Ruck entwischen konnte. Seitdem wendete ich mich höchstens der Bahn zu, wenn die Jockeis aufsaßen und ihre Pferde zur Ansicht vorführten. Die bunten Satinblusen und Mützen gefielen mir, außerdem kannte ich viele von ihren Trägern.
Aber bevor das Rennen begann, beobachtete ich mit Vorliebe die Auffahrt der Gäste. Auf der Wiese zwischen Elternhaus und Rennbahn hatte man einen Parkplatz planiert. Er war nicht groß, vielleicht 1000 qm. Das überschüssige Erdreich wurde zu einem Wall aufgeschüttet, der nach zwei Seiten die Abgrenzung bildete. Auf ihm wuchsen schon lange Kamille und Huflattich. Der Parkplatz war nicht gepflastert, holprige Grasbüschel hatten sich auf ihm angesiedelt. Bereits eine halbe Stunde vor Rennbeginn saß ich auf dem Erdwall, ganz nahe der Einfahrt und schaute aus der Höhe zu, was sich hier so alles tat. Menschen interessierten mich sehr. Hier an diesem einfachen Parkplatz fand sich die „Große Welt" ein und entstieg ihren südteuersten Automobilen.
Da kamen sie aus aller Herren Länder. Man sah jede Rasse, gekrönte Häuser, gekröntes Kapital, Junge und alte, Schöne und Häßliche, Dicke und Dünne, und meistens eingehüllt in teuere Eleganz. Die Damen stelzten auf hohen Stöckeln und wippenden Florentinern über die schotterige Rennbahnstraße dem Eingang zu, während sich die Herren beeilten, das Plaid zu tragen oder gar den Feldstecher nicht zu vergessen. Häufiger besorgte das auch der Chauffeur, oder es war überhaupt eine mehrköpfige Begleitung mitgekommen, die auf den leisesten Wink der Herrschaft herbeieilte. Eine Amerikanerin ist mir noch in besonders guter Erinnerung. Sie war ebenso schön wie sie reich war. Kein einziges Rennen versäumte sie und kam stets pünktlich. Sie hatte mehrere Automobile zu ihrer Verfügung, denn das jeweilige war immer in der Farbe ihrer Garderobe. Neben ihrem livrierten Chauffeur hatte sie noch eine Gesellschafterin im Schlepptau. Dann besinne ich mich noch auf einen wachsgelben, runzeligen Maharadscha und seine junge märchenschöne Maharani sowie deren reizende Kinder. Ein ganzer Hofstaat begleitete diese Familie, natürlich auch kräftige Aufpasser, zumal die Maharani ein riesiges Vermögen um den Hals hängen hatte. Ein Herr fiel mir auch noch besonders auf, denn er war ebenfalls von exotischem Aussehen und fehlte niemals. Er kleidete sich nur weiß, dazu trug er einen dunkelroten Fes. In seinem Gefolge hatte er solch athletische Leibwächter, daß sie mir wie lebende Schränke vorkamen. Ich konnte erfahren, daß der „Herr in Weiß" Angehöriger des ägyptischen Königshauses sei. Noch manche auffallende Persönlichkeit beim Pferderennen könnte ich hier schildern, aber das würde zu weit führen.
Wenn mein Vater kurz vor Rennbeginn kam, führte er mich an der „Kassa" vorbei über den gepflegten Kies der ersten Klasse zu dem schmalen Schlauch, in dem weithin sichtbar die Anzeigetafel stand. Besagter Schlauch war ein drei bis vier Meter breiter Streifen Land,
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