Es ist schon lange her
Weihnachten ist das schönste Fest des Jahres, und als solches galt es auch im Egerland. Bereits an den langen Adventsabenden rückten die Menschen enger zusammen, versammelten sich zum Hutzen in ihren warmen Stuben, sangen alte Lieder, sprachen über Freud und Leid, tauschten klagend ihre Sorgen aus, tuschelten den Dorftratsch und erzählten schließlich immer wieder Sagen und Gruselgeschichten. Da wurden die Namen Houmannerl, Krudum, Vierza Nåuthelfa, Råuts Kreiz, Gålgn, Hås-Haling, Teppalesa Kreiz u. a. genannt. Um alle war eine Mär gesponnen worden, die mich fesseln konnte.
Einmal, es war in der Weihnachtszeit, waren wir Kinder wieder bei der Großmutter am warmen Ofen versammelt. Sie saß vor ihm auf der Bank und wir hockten im Halbkreis um sie herum auf den Bandeldecken, unter denen gegen die Bodenkälte dicke Strohmatten lagen. Draußen fegte der Sturm heulend den Schnee um die Hausecke und rüttelte heftig an den Fenstern. Dämmerung kroch bereits in das Stübchen, und im Herrgottswinkel lag der rote Schein des Ewigen Lichtes ruhig auf dem Kruzifix. Meine Großmutter klapperte fleißig mit den Stricknadeln, und es war zu erkennen, wie der schwarze Strumpf unter ihren Händen wuchs. „Ach Großmutterl, derzühl a wengerl döi schöina Gschicht van Großvatta!", bettelten wir die alte Frau so sehr, daß sie bald zu erzählen begann.
Etwas ausholend sprach sie erst davon, welch ein braver, fleißiger, genügsamer Mann unser Großvater gewesen sei, und daß er eigentlich nur ein einziges Laster gehabt hätte, das wäre nämlich seine Pfeife gewesen. Sie begleitete ihn von morgens bis abends über alle schönen und bösen Stunden. Er war in Armut geboren worden, war bereits als elternloses Kind nach Töppeles gekommen, wo ihn ein barmherziger Bauer in sein Haus aufnahm. Dieser hätte später sogar die Patenschaft für den einsamen Buben übernommen, weil er sich fleißig und anständig zeigte. Er hütete Kühe, half, wo er konnte und wurde bald ein tüchtiger Knecht. Als mein Großvater dann sie, die Großmutter, gefreit hätte und eine Familie gründen wollte, hätte er sich allerdings nach einem besseren Verdienst umsehen müssen, weshalb er die knochenzerreibende Arbeit im Karlsbader Steinbruch antrat. Mit seinen und Großmutters Ersparnissen hätte er ein Häuschen am Dorfrand von Poschitzau erworben, wo sie sich Hühner, eine Ziege und auch ein Schwein halten konnten. Bereits gegen drei Uhr morgens sei der Großvater aufgestanden, um den weiten Weg von 14 km nach Karlsbad zu schaffen, denn um 6 Uhr hätte schon das harte Tagwerk begonnen. So sei er von dem Übermaß an körperlicher Anstrengung früh gezeichnet worden, denn sein Gang und die Bewegungen wurden immer schwerfälliger, und seine Zunge wollte sich nur schwer lösen.
Am liebsten saß er sommers auf der schattigen Hausbank, und im Winter suchte er die wohlige Wärme in der Ofenecke. Dabei rauchte er seine Pfeife, ließ die anderen reden und hörte zu. Trotz aller Mühsal, die ihm aufgeladen worden sei, wäre er seinem Herrgott niemals die gebührende Ehrfurcht und Treue schuldig geblieben. Und seinem Paten in Töppeles sei er in Dankbarkeit ergeben gewesen. So scheute er nicht den weiten, beschwerlichen Weg und besuchte ihn am ersten Weihnachtstag, um seine guten Wünsche für das Fest darzubringen.
Nun war es also wieder soweit, wie Großmutter erzählte, und Großvater dachte daran, seinen Paten aufzusuchen. Großmutter holte die derben Stiefel aus der Kammer, denn es lag Schnee und es war kalt. Dann nahm sie Großvaters dicken Kalmuck aus dem Schrank, seine Ohrwärmer und den filzernen Sonntagshut mit der Auerhahnfeder und den zierlichen Grandeln darauf. Nachher schlug sie noch einen halben Striezel ins Geschirrtücherl und stellte eine Flasche selbstgemachten Schwarzbeerwein dazu. Beides verstaute der Großvater in dem Rucksack, nahm seinen Haselnußstock, seine frischgestopfte Pfeife und wanderte in das Schneegestöber hinaus. „Vurm Finsawern binne wieda daham!" rief er zurück, hob zum Gruß nochmals den Stock und verschwand vollends hinter dem Haus.
Am zeitigen Nachmittag war er bereits in Töppeles, denn der Weg bergab mit dem Wind von rückwärts beflügelte die Schritte. So kam er zum Paten, als sich eben die Familie zum Kaffeetrinken und Striezelessen an den Tisch setzen wollte. Natürlich wurde er freudig begrüßt und auch gleich zum Mitessen aufgefordert. Das war ihm auch sehr angenehm, denn nach der Kälte hatte er richtig ein Gelüst nach dem heißen Kaffee und dem wohlriechenden Striezel. Hinterher steckte er wieder zufrieden seine Pfeife an, und der Pate holte die Flasche aus dem Schrankerl. „Affra Stamperl, Wenzl!", sagte er zu meinem Großvater und goß jedem ein. Mit einem Zuge leerten die beiden Männer ihr Glas. Da meinte
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