Peter Zenkl triumphierte über diese vollzogene Tatsache in vielen Aufsätzen und nannte den Abschub der Deutschen das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Tschechen seit der Schlacht am weißen Berge. Die Gegenwart könne die Größe dieses Ereignisses und die vorteilhaften Folgen auf die Entwicklung der Nation und des Staates noch gar nicht erfassen. Erst späteren Jahrzehnten und Jahrhunderten wird es vorbehalten bleiben, diesen Schnitt und heroische Tat der heutigen Generation zu würdigen. Wie recht hatte er: (auch ein Prophet!) Wenige Wochen später war er froh, heil in London gelandet zu sein und er schimpfte gegenwärtig in recht tschechischen Manieren auf den Staat, den er mitgegründet hat.
Und was tat sich nicht alles in den Gehirnen der Austreiber? Die Tschechen nannten sich nun selbst Gottes auserwähltes Volk. (Zu was hätte Gott es auserwählen sollen?). Sie faselten von Gebietserweiterungen, von Anektionen in der Lausitz, Teilen Bayerns und machten in Größenwahn. Man spielte wieder Großmachtpolitik und übersah dabei die blutige Schürze, die man noch trug. Sieben Millionen Tschechen benahmen sich in der Diplomatie aufdringlicher als die 40 Millionen Franzosen.
(Vergleiche Stromberger 32).
Sudetendeutscher Landsmann!
Bisher bist Du meinen Ausführungen gefolgt; die Beweggründe, welche dich dazu zwangen, kenne ich. Es ist Deine geistige und seelische Verbundenheit mit der Heimat und dem teueren Erbgut an Geschichte, Sagen und Überlieferungen, zu denen auch die Vorhersagungen des blinden Jünglings gehören.
Verschieden aber sind die Gefühle, welche die einzelnen Leser bewegten. Da ist die große Masse der Neugierigen, welche sich aus der Lektüre Zeit und Umstände unserer Heimkehr versprechen, und ungeduldig Blatt um Blatt umschlagen; da sind die vielen, welche im Lesehunger oder Anteilnahme am Gesamtschicksal alle Publikationen unseres Problems zur Kenntnis nehmen. Da ist die Gruppe derer, welche mit ehrlichem Erstaunen das Wirken menschlichen Unterbewußtseins erleben, jenes Phänomen, welches wir gelehrten Europäer wohl benennen, aber nicht erklären und analysieren können; und da sind schließlich die Wenigen, die mit leichtem Erschauern den Atem Gottes aus dem gewaltigen Rythmus der Geschichte verspüren und sich aus dem Drang der Vergeistigung und eiskalter Analyse das Gefühl der Ehrfurcht vor dem Unerklärlichen bewahrt haben. Keiner konnte sich der Macht und der Sugestion dieses Wunders entziehen — alle aber sind es Menschen meiner Heimat, meiner Sprache und meiner letzten Sehnsucht . . . alle habe ich sie bei den einzigen wunden Punkt ihrer Seele berührt, dem Urgrund aller menschlichen Kultur, der Liebe zur angestammten Heimat.
Und doch werden viele das Büchlein enttäuscht aus der Hand legen müssen; es bringt keine Termine und keine festen Versprechungen, es deutet nur an und bringt zum Schluß noch das Bild der grauenhaftesten Katastrophe, welche jemals die Menschheit getroffen hat.
Trotzdem aber können die Vorhersagen auch in ihrem so furchtbaren Ausgang noch Trost und Hoffnung sein: Gott läßt kein Unrecht ungesühnt verüben und diese Erkenntnis der ausgleichenden Gerechtigkeit läßt uns weiterhin die Bürde der Heimatlosigkeit tragen im Bewußtsein, Objekt der Worte des Heilands geworden zu sein, als er sprach: Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich.
Aber auch der tragische Ausgang unseres Leidensweges bringt für uns eine Verpflichtung: Die Heimat wartet auf uns — mißhandelt, geschändet, vergewaltigt, verschüttet und zerstört werden einige von uns sie wieder betreten und es wird ihrer größten Liebe, ihrer ganzen Liebe bedürfen, aus dem verwüsteten Land wieder jenes Bild zu formen, das wir heite in brennender Sehnsucht als Heimat unverrückbar im Herzen tragen.
Aber jeder Einzelne von uns kann zu den wenigen Überlebenden gehören; deshalb haben wir uns zu erhalten, deshalb haben wir jeden Gedanken an Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit weit von uns zu weisen, deshalb müssen wir täglich unseren Willen ermahnen, stark zu bleiben: Denn Gott wird zuvor die Spreu von Weizen sondern.
Und jeder von uns wird dann Pionier sein müssen, wird seine ganze erhaltene Kraft einsetzen müssen, um sich dem schweren Neubau der Heimat zu widmen. Alle Halben, Unfertigen und Trägen werden zurückbleiben in der Fremde: Es wird kein Schade um sie sein.
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