Tränen.
Solange man ABC-Schütze war, schaute man respektsvoll auf alle höheren Klassen, konnte aber deren herablassende Art nur allzu schwer ertragen. Mit den Jahren verbesserte sich dies, nicht weil wir selbst nachsichtiger wurden, sondern weil WIR jetzt „die Aufsteiger" waren, die wir oft auch heute noch sind. Schüler, die schon ein Jahr in der Klasse waren, wurden als — mit Stoff, Methoden und Personen — vertraute alte Hasen willig aufgenommen, sofern sie der Aufnahme nicht durch überlegene körperliche Kräfte eine andere Richtung gaben.
Ganz selbstverständlich kannte man die Schüler der eigenen Klasse, wußte von welcher Gasse sie kamen, ob der Vater als Chauffeur, Lokomotivführer, Totengräber, Porzellandreher, Schuster oder Schornsteinfeger sein Brot verdiente und wußte auch, wo von Verdienst keine Rede sein konnte. Da wir fast alle beim Herrn Katechet Schmidt Religionsstunden hatten, war es eigentümlich für uns, wenn 3 oder 4, die Evangelischen, von ihrem Pastor sprachen, der ihnen in ihrer Kirche am Graben die Bibelstunde hielt. Die Schüler der Klasse vor uns und die der Klasse nach uns, kannten wir natürlich auch; denn mitunter war man dort schon einmal zum Nachsitzen als Gast. Keine Verbindungen hatten wir in der ersten Hälfte unserer Schulzeit mit den gleichaltrigen Mädchen, die gingen in ihre eigene Schule. Einige Namen waren noch vom Kindergarten her bekannt und über die dortigen schulischen Verhältnisse wurde man durch die eigene Schwester unterrichtet. Als der Krieg begann, änderten sich die Dinge rasch, viele Lehrer wurden eingezogen, Klassen zusammengeworfen und wir Buben waren nicht mehr allein.
Mit Ranzen und Federkasten, an der Qualität der soziale Status erkennbar, kam man zur Schule. Der Alltag begann. Zuerst wurden Bücher ausgeteilt. Wer begüterter war, brachte die Bücher schon mit, die anderen harrten was ihnen ausgehändigt wurde. Wenn sie auch manchmal durch einige Dienstjahre schon „übertragen" waren, so waren sie für die neuen Benützer doch wieder „neu". Hastig und neugierig wurde das erste Mal hindurchgeblättert, die Bilder schnell überflogen. Daheim saß am Abend — manchmal noch bei der Petroleumlampe — die Mutter, faßte die Bücher ein, während der Vater noch eine Zora rauchte; an seine eigene Schulzeit denkend, blieben ernsthafte Ermahnungen nicht aus. Zum Schreiben wurden Hefte gebraucht, gewöhnlich mit steifen Deckeln, käuflich zu haben bei Wolf, Völkl oder bei der Frau Feinemann. Schüler, deren Eltern die Mittel nicht aufbrachten, kauften dünnere, gelegentlich sah man auch ein selbstgenähtes Heft, mit selbstgezogenen Linien. Notwendig wurde ein kleines Liederheft und später eins mit fünf Notenlinien. Eigentümlicher Weise — auch das ist heute noch so — wurde ein solches Notenheft niemals ganz ausgeschrieben. Zum Zeichnen und Malen verwendeten wir „Oswald-Farben" in den kleinen Blechkästchen, immer 4 Stück in drei Reihen. Für größere Anforderungen gab es dann, komplett in einem Holzfarbkasten: große runde Knopffarben „Günter Wagner" ca. 24, Silber und Gold war auch dabei, rote Tinte, Tusche, ein Schwämmchen, ein Schälchen, Pinsel, Redisfedern und andere Dinge. Geometrisches Zeichnen weckte die größten Erwartungen, weil dafür am meisten investiert werden mußte: Reißbrett, Reißschiene, Dreieck und Zirkelkasten, für den Transport eine große Mappe dazu. Kleinere Schüler mit ihren kurzen Armen hatten Mühe die unteren Kanten beim Tragen zu fassen; dafür wurde noch ein Griff mit einem hölzernen Röllchen gebraucht. Bei „besonderen" Anlässen wurde die Reißschiene wie ein Schwert gezogen, wobei sie manche Scharte davontrug. Ein geräumiger Kasten im Klassenzimmer barg diese großmächtigen Zeichenbretter, der auch mitunter ein oder zwei Schülern Unterschlupf gewährte. Die Neuanschaffung einer solchen Ausrüstung kam teuer, man hielt Umfrage, wo sie vielleicht zu erwerben war und Jahre voraus wurden oft schon Zusagen eingeholt. Solch ein Reißbrett, einmal abgeschliffen — war wieder wie neu. Geturnt wurde im Sommer am Turnplatz. Da war alles einfach: Durch den Schulgarten am Brunnen vorbei war es nicht weit. Viele liefen barfuß, Turnschuhe wurden da nicht gebraucht. Im Winterhalbjahr wurde im Amthaus geturnt, auch im untersten Klassensaal des Schulhauses. Das Schuheausziehen am Anfang brachte uns oft in Verlegenheit, stellte uns öffentlich bloß, wenn die Untertanen Zehe und Ferse sich Löcher schufen und nach Freiheit verlangten. War der Sommer noch so schön und das Leben draußen der Schule weit überlegen, so ging man im Herbst bei kühlerem, naßkalten Wetter gerne wieder, auch wegen der Wärme in dieses große Haus. Die abwechslungsreichen, täglichen Erlebnisse am Schulweg waren Zugabe und Ausgleich für Stillsitzen und
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