Großmutterbauch.
Doch unsere Schmeller Großmutter konnte auch sehr streng sein. Wenn sie rief, mußten wir rennen.
„Anna, hol mir a Kanderl Wasser!"
Da sauste die Anna und ließ das schönste Scherberlspiel im Stich.
Beim Brunnen mußte das Wasser geholt werden, aber „gerinneltes". Oft packte mich der Übermut. Ich ließ das Kanderl zuerst einrinnln, dann schüttete ich das Wasser wieder aus und schöpfte ein — nur grad so. Aber die Großmutter merkte das zum Glück nie.
Beim Waldert Mani, einem Likörgeschäft, mußte ich des öfteren in einem Flascherl Schnaps holen. Neugierig verkostete ich jeden. Der Allasch schmeckte besser als der gewöhnliche Kümmelschnaps.
Im Gaßl hab ich immer ein wenig verkostet. Weil aber nichts fehlen durfte, füllte ich beim Brunnen vorsichtig mit Wasser wieder auf. Wodurch der Herr Waldert Mani in den Augen meiner Großmutter in den schlechten Ruf eines Schnapspantschers geriet.
Da es im Frühling auch damals schon die übliche „Strauchen" — den Schnupfen — gab, mußte ich meiner kranken Großmutter beim Samml-Juden Schnupftabak holen. Es gab Gottseidank noch keine Tabletten für so etwas. Die Anna mußte also um drei Kreuzer „Rabbe" holen. Dieses unappetitliche braune Zeug wurde in ein selbstgedrehtes Spitztüterl gefüllt.
Da saß mir auch der Schalk im Nacken. In meinem Lastergassl schnupfte ich eine Brise. Donnerwetter gab das eine Wirkung — ich glaubte meinen Kopf zerreißt es! — Hatschiii! Zehnmal Hatschi, zwanzigmal Haatschi. Meine Augen tränten. Ich konnte lange nicht heimgehen — meine rote Nase hätte alles verraten.
Nun, und was gehört wohl noch zum Frühlingserwachen? Natürlich Lied und Gesang. Wie schön singen die Amseln wieder und die Lerche steigt auch wieder trillernd in die Luft, um den Schöpfer zu preisen.
Auch für uns Grund genug um einzustimmen und mit zu jubilieren. Alte längst vergessene Lieder werden in uns wach: „Wie das Ahnerl zwanzig Jahr" aus dem Vogelhändler — und dann als er weiter singt „und — siebzig war! Schaut er amal so am Bach — d'längste Zeit an Dianderl nach — hat dann g'seufzt o mein o mein . . ."
Oder „Weißt du Muatterl was i träumt hab?" Die dritte Strophe paßt jetzt bald zu uns: „Ich hab im Himmel eine g'sehg'n — ich war so jung, so fesch und munter — und du wie einst so wunderschön — was tun wir denn auf dieser Welt noch?"
Doch wir wollen nicht wehmütig werden. Das Herz ist so jung wie man sich fühlt! Wir hören sie doch alle gerne wieder, unsere vertrauten Lieder; wenn sie auch für „sehr schmalzig" verschrien sind bei der Jugend. Aber selbst unsere alten schönen Volkslieder kommen manchmal wieder zurück. Man hört sie in Rundfunk- und Fernsehsendungen und werden halt jetzt als „Folklore" auf goldene Schallplatten aufgenommen.
Deshalb freute es mich ganz besonders, daß selbst der Herr Außenminister Walter Scheel in Aachen, in froher Stunde, das alte Volkslied sang: „Hoch auf dem gelben Wagen — sitz ich beim Schwager vorn . . ." Unser altes Jugendbuch- und Wandervogellied . . .
„Flöten hör ich und Geigen — lustiges Baßgebrumm, junges Volk im Reigen tanzt um die Linde herum. Wirbelnde Blätter im Winde, es jauchzt und lacht und tollt. Ich bliebe so gern bei der Linde — aber der Wagen, der rollt . . ."
So wird für Jeden von uns einmal die Stunde schlagen, wo er von diesem Lied die letzte Strophe anstimmen muß . . .
„Sitzt einmal ein Gerippe hoch auf dem Wagen vorn, hält statt der Peitsche die Hippe, Stundenglas statt das Horn. Sag ich Ade nur ihr Lieben, die ihr nicht mitfahren wollt'. Ich wäre so gerne geblieben — aber der Wagen, der rollt". —
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