Das alte Spinnrad
Von Heinrich Heß, Gfell-Diendorf
Wie ein ausgedienter, abgehalfterter Gaul am Schindanger, so stand in der Rumpelkammer ein altes Spinnrad: von den Kindern gequält, von den Holzwürmern zernagt und von den Alten vergessen. Seine Zeit war vorüber und nur aus den Erzählungen der Greisinnen flackerte — ähnlich wie der Funke eines verglimmenden Feuers — ein Wort über das Spinnrad auf. Das war vor allem dann der Fall, wenn ein Loblied auf die „gute, alte Zeit" im allgemeinen und die Rockenstube im besonderen gesungen wurde. Wir Kinder lauschten dann andächtig und bedauerten, daß diese Feierabendromantik von der fortschreitenden Technik gemeuchelt sein soll.
Dann kam eine Zeit, in der wir die Rockenstube doch noch kennenlernen sollten. Das war während des ersten Weltkrieges, als die Spinnstoffe knapp wurden. Man entsann sich des alten Spinnrades und griff zur Selbsthilfe. Auf den Feldern stand allenthalben ein blaublühendes Gewächs, das man als Flachs ansprach. Auf die vielen Arbeitsgänge, von der Saat bis zum fertigen Leinen, kann ich hier nicht näher eingehen; es würde den ganzen HB füllen. An einem Spätherbsttag gab es dann einen nicht alltäglichen Betrieb auf dem Hof. Unter altem Gerümpel wurden Brechen, Rüffel und Hecheln hervorgesucht, aus dem Backofen zog man die gedörrten Flachsbündel und auf der Tenne brachen vier bis fünf Frauen den Flachs. Die Großmutter fühlte sich als Meisterin des Faches und kommandierte unter den Helferinnen herum, wie ein Feldwebel unter den Rekruten. An den Leitern und Deichseln der Erntewagen hingen sodann die silberglänzenden Flachsbauschen.
Den Laien dürfte es interessieren, daß als Spinnstoffaser nur der äußere Mantel des Flachses in Frage kam. Der von der Breche zu Häcksel zerhackte Stengel wurde „Ogna" (Anger) genannt. Es war dies ein wertloser Abfall, den die boshafte Jugend dazu verwendete, um heimlich verlobte Liebespaare bloßzustellen. Am Morgen des Andreastages fand man mit Ogna gezeichnete Gehsteige von Hof zu Hof gestreut, welche symbolisch „Spitzbubenwege" genannt wurden. Schon in früher Morgenstunde konnte man die betroffenen Dorfmädchen beobachten, wie sie mit dem Besen eifrig am Werke waren, um die verräterische Spur des nächtlichen Spukes zu verwischen, bevor die Öffentlichkeit davon Kenntnis nehmen konnte. Es gab aber auch Mädchen, die es nicht ungern sahen, daß mit dem Spitzbubenweg die Aufmerksamkeit eines schwerfälligen Burschen geweckt wurde, dem die Courage fehlte, den Weg zum Kammerfenster der Jungfrau zu wagen.
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