[obr] Vom Alten Markt in Richtung Leßnitzgasse standen zur linken Hand einzeilig u.a. die stattlichen Bürgerhäuser Nr. 72 (Sacher Marie u. Albrecht, Gasthaus „Zan schöin Bürgha“), 73 (Völkl Else) und 74 (Pöttig Oskar, Schlossermeister), jeweils v.l.
Mit dem Biergarten vor dem Wirtshaus (links im Bild) verbinden sich Erinnerungen an gastliche Aufenthalte an sonnigen Feiertagen. Der Aufmerksamkeit des Betrachters entgehen sicherlich nicht die schönen, strukturierten Fassaden und die hohen, vielfach dreiteiligen Fenster, die, wie daheim üblich, nach außen
[obr] „Entlassungs-Zeugnis“ von Anna Seidl geb. Rossmeisl.
zu öffnen waren. Die Firmierung beim Haus rechts über den Fenstern im Erdgeschoß lautet: „Autogen. Schweißanlage“, „Schlosserei“.
Zu den beiden Fotos bietet sich eine Personalie an: Lmn. Anna Seidl geb. Roßmeisl, wurde 1874 im Tippmann-Haus (Nr. 91) geboren. Das Entlassungszeugnis der Volksschule in Schlaggenwald vom 4. April 1888 ist von Schulleiter Wenzel Schuster, Klassenlehrer Friedrich Sturm sen. und Wenzel Manlik, Katechet, unterschrieben und stellt ein interessantes zeitgenössisches Dokument dar.
Frau Seidl zog es im März 1932, im Alter von 58 Jahren, an den Alten Markt zurück; sie wohnte in Haus Nr. 74, im ersten Stock der Schlosserei.
Lm. Hans Roßmeisl, Wiesbaden, ihr Großneffe, stellte die Unterlagen zur Verfügung. Er ist ein Nachkomme von Wenzel Roßmeisl, dem Inhaber des Gasthofes „Potherr“ in Schönfeld. Der Heimatbrief sagt Dank!
## Mit der Lok zur Pinge
Wenn wir uns, leider nur in Gedanken, an einem Sonntag im Frühjahr zu einem kleinen Ausflug entschließen, uns in der warmen Frühlingssonne in Richtung Schönfeld auf den Weg machen und so einen der früher beliebten Spaziergänge in die nähere Umgebung wiederholen, dann flanieren wir gemächlich bis hinauf zur Hub (Hou), zum Jahnheim und zur Pinge. Nachdem wir den Ortsteil Obere Gasse verlassen haben, kommen wir entlang der Straße auf der rechten Seite zunächst an der Porzellanfabrik „Sommer & Matschak“, dann an der Strumpfweberei der Familie Wölfel vorüber, halten bei der Drechslerei von Franz Müller kurz inne, um uns an der erwachenden Natur zu erfreuen, gelangen anschließend zum Werksgebäude der alten Nagelfabrik, das zunehmend dem Verfall ausgesetzt ist, und erreichen das Schützenhaus (Schießhaus) in der Pinge oder das Gasthaus von Emil Kolb. Es ist Zeit zu einer Einkehr; die Erinnerung hilft uns auf die Sprünge!
Es ist nur schwer vorstellbar, daß einmal auf diesem Abschnitt der Straße – es sind, ab Stadtmitte, weniger als zwei Kilometer – eine Lokomotive „fuhr“. Und das kam so: Als im Zweiten Weltkrieg im Jahre 1940 der Erzbergbau wieder aufgenommen und auf der Huber Höhe eine große Aufbereitungsanlage errichtet wurde, war es auch auf dem Areal der Pinge mit der Ruhe vorbei. Es wurden Schächte niedergebracht, man hoffte auf ergiebige Erzfunde. Die Bergbauverwaltung ließ zwischen der Pinge und der Nagelfabrik ein Feldbahngleis (in Schmalspur) verlegen, um das Roherz mit dem Wasser des Flutbaches zu waschen. Zur Beförderung der kippbaren Loren sollte eine Feldbahnlok zum Einsatz kommen. Die kleine Dampflok traf auf einem Flachwaggon der Reichsbahn am Bahnhof Schlaggenwald ein; sie wurde mit viel Mühe und „Hau ruck“ entladen und gleich auf Schienen gesetzt. Da weder Tieflader noch Kran, zumal in dieser Gewichtsklasse und mit der notwendigen Tragkraft, damals zur Verfügung standen, behalf man sich auf andere Weise: Die begleitende Mannschaft folgte der Anweisung der Betriebsleitung, durch Verlegen eines bestimmten Gleisabschnittes auf der Straße, Vorrücken der Lok bis zum jeweiligen Ende der „Vorspur“, Abbau der Schienen im zurückgelegten Abschnitt und ihr erneutes Vorlegen sowie in Wiederholung dieser Prozedur stückweise voranzukommen und schließlich das Ziel „Pinge“ zu erreichen. Ein Ausweichgleis ermöglichte es, daß die Lok umsetzen konnte.
Es blieb natürlich nicht aus, daß eine neugierige Kinderschar und auch interessierte Erwachsene das nicht alltägliche Ereignis verfolgten und dabei mit „fachkundigen“ Kommentaren nicht sparten. Wurde einmal nicht gearbeitet, so war es, zumal für die Kinder der Umgebung, ein besonderes Vergnügen, mit leeren Loren von der Straße bis zur Nagelfabrik zu fahren. Dabei diente eine runde Holzstange als Bremse.
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