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leben, da sie meist nebenbei noch Landwirtschaft betrieben. Betrachten wir nun das Foto und wenden den Blick talwärts, ehe uns das fernere Schicksal des Gasthofes „Zum Wiesental" beschäftigen soll. Das ganze Bild beherrschend und das Tal förmlich abschließend, spannt sich das Seifertsgrüner Bahnviadukt, vom benachbarten Flutbachviadukt durch einen Tunnel getrennt, vom Donnerberg zum Ettnerberg. Nach rechts zieht sich die Bahnlinie zum Kaunitz und weiter zum Windhof, wo sie auch den höchsten Punkt im gesamten Streckenverlauf erreicht. Zur Zeit des Bahnbaues, um 1900, stellte ein solches Viadukt, bogenförmig und steigend, für Planer und Erbauer eine besondere Herausforderung dar. Man zog erfahrene Arbeiter aus Italien hinzu, von denen einige blieben und im Ort seßhaft wurden. Unsere Bergstadt gehörte ja damals zur k.k.-Monarchie, die von Galizien bis an die Adria reichte.
Hinter den Pfeilern des Viadukts lugen die letzten Häuser der Seifertsgrün hervor. Der Bach gleichen Namens, dessen Quellgebiet oberhalb der Gaststätte lag, lieferte ein so vorzügliches Wasser, daß es unserer Bergbrauerei als Grundstoff für die Bierherstellung diente. Außerdem speiste er – zusätzlich zum Flutbach – den Malzmüllerdamm, aus dem wiederum der „Bauer-Müller" das Antriebswasser für das Mahlwerk bezog.
Und, nicht zu vergessen: An der Stelle, wo das Bild aufgenommen wurde, machte eine Holztafel auf das „Echo" aufmerksam. Der Ruf „Was essen die Studenten?" und die Antwort „Enten" wird vielen von uns noch in guter Erinnerung sein.
Welch gräßliches Schicksal sollte diesem stillen Tal beschieden sein! Anfangs, noch kaum naturverändernd, wurde in der Nähe vom Schneider-Wirtshaus während des 2. Weltkrieges ein Lager für Fremdarbeiter eingerichtet. Nun fuhren über den Feldweg nicht mehr nur Kuhgespanne, sondern schwere Lastkraftwagen, die den unbefestigten Weg übel zurichteten. Aber der eigentliche Todesstoß für das gesamte Tal kam erst nach dem Krieg, als man um 1947/48 in der Umgebung Uranlagerstätten ausgekundschaftet hatte. Als Beschäftigter beim Egerländer Erzbergbau war ich bei den ersten Messungen in der Gegend von Hans Heiling bis hin nach Poschitzau selbst mit dabei. Wir begleiteten einen Polen, der mit einem Geiger-Müller-Zähler (wir wußten damals kaum, was das ist!) die Meßwerte registrierte. Wir ahnten erst recht nicht, was in Auswertung dieser Meßprotokolle über unsere Heimat hereinbrechen sollte!
Der unersättliche Machthunger der Russen, angefacht durch den Wettlauf um die Atomwaffenüberlegenheit während des sog. Kalten Krieges, führte zu einem beispiellosen Raubbau an diesen Bodenschätzen. Aus den vielen Schächten, in denen auch zahllose Häftlinge nach diesem „Sklavengold" schürfen mußten, fielen Unmengen an taubem Gestein an, das irgendwo gelagert werden mußten. Dafür bot sich in frevelhafter Weise das Wiesental, gleich einem nur aufzufüllenden Loch, dar. Alles begruben diese Massen, mit denen man eigenartigerweise nichts anzufangen wußte, unter sich: den Gasthof mit seinem Fichtenwäldchen, die lieblichen Fluren, das Echo. Hätte das Viadukt nicht eine Art Barriere dargestellt, wäre vielleicht auch noch die ganze Seifertsgrün mit begraben worden. (Pläne, die gesamte Stadtmulde Schlaggenwald zuzuschütten, konnten nur mit Mühe vereitelt werden!) Ob und wie stark das offen gelagerte Abraummaterial heute noch radioaktiv strahlt und die Gesundheit der Bewohner gefährdet, ist mir nicht bekannt.
Die Jahre sind darüber hinweggegangen. Nach fast einem halben Jahrhundert hat die Vegetation längst wieder Fuß gefaßt, Laubgehölze und Buschwerk begrünen die Halden. Und fährt das Bähnlein heute über das Viadukt, dann wundert sich der aufmerksame Betrachter der Landschaft, weil der Vorgeschichte unkundig, vielleicht nur darüber, daß ein derart aufwendiges Brückenbauwerk nötig war, wo doch wenige Meter daneben die Bahntrasse auf festem Boden verlegt werden konnte! Noch sichern tief unten liegende Rohre den Wasserabfluß, aber schon lange mahlt der Bauer-Müller nicht mehr, und niemand kann beim Wirt „Zum Wiesental" mit einem „Hellen" oder „Dunklen" aus der heimischen Bergbrauerei seinen Durst löschen. So ändern sich Zeiten und Welten! Bei aller Wehmut bleibt uns wenigstens ein Trost: Daß die dem Schoß unserer Heimat entrissene Pechblende bisher nicht zum Einsatz in mörderischen Waffen gekommen ist. Und es ist unser innigster Wunsch, daß dies auch in Zukunft so bleibt!
Die Aussiedlungskiste
Vor einiger Zeit stand ich beim Aufräumen im Geräteschuppen nachdenklich vor einer besonderen Kiste, deren Anblick Erinnerungen wach werden ließ. Die Gedanken schweiften zurück. Wie war das doch damals vor fünfzig Jahren?
Es war im Sommer 1946. Die Ausweisung von uns Deutschen aus dem Sudetenland, von den Tschechen vornehm „odsun", also „Aussiedlung, Abschiebung" genannt, war noch im vollen Gange und stand sicherlich auch uns bevor. Viele Bekannte und Nachbarn hatten ihre Heimat Schlaggenwald schon verlassen, und im ganzen Ort war es spürbar leer geworden.
Wann waren wir dran? Zurückbleiben wollten wir auf keinen Fall. Mein jüngerer Bruder stand vor der Einschulung. Sollte er in eine tschechische Schule gehen? Nein, wir waren doch Deutsche und wollten es auch bleiben! Zudem hatten wir seit Kriegsende und der Machtübernahme der Tschechen durch sie das Unrecht der Enteignung von Haus und Hof, ständige Unterdrückung, Willkür und tagtäglich viele Demütigungen und Schikanen erfahren und erdulden müssen.
Angst ging um, und die Ungewißheit vor der Zukunft lastete schwer auf dem Gemüt. Was sollte man mitnehmen? Wie viele Transporte fanden noch statt, welche davon gingen in die Westzonen? Solche und ähnliche Fragen sorgten für Beunruhigung, beherrschten die Gespräche und das Geschehen dieser Tage und ließen uns auch in den Nächten nicht zur Ruhe kommen. Auf Umwegen hatten wir in Erfahrung gebracht, daß Anfang September noch einmal ein Transport nach Bayern (der letzte ?) vorgesehen war, zu dem man angeblich auch unsere Familie eingeteilt hatte.
Nun hieß es rasch handeln. Vor allem galt es, für die Beförderung des wenigen Hausrates, der mitgenommen werden durfte – der Národní výbor (Nationalausschuß) hatte in unserer Gemeinde gnädig 50 kg je Person genehmigt –, noch die geeigneten Packmittel bereitzustellen. Für das Bettzeug und die Wäsche nähte die Mutter die Fleckerlteppiche (bei uns „Bandlploan" geheißen) zu großen Säcken zusammen. Für das Geschirr und andere empfindliche Habe jedoch war unbedingt eine stabile Verpackung vonnöten. Die schweren Truhen im Haus aus Großmutters Zeiten erwiesen sich als zu gewichtig und unhandlich; also mußten andere Kisten her. Zum Glück war Onkel Oswald, der eine kleine Tischlerei betrieb, noch im Lande. Er fertigte für uns und andere Verwandte feste Holzkisten von geringer Brettstärke an und stattete diese mit eisernen Beschlägen und Tragegriffen aus. Und noch etwas tat er. Auf unser Geheiß hin versah er mit der Kreissäge die nicht sichtbaren Schmalseiten der Bretter vor dem Zusammenfügen mit halbbogenförmigen Einschnitten, in denen sich wertvolle Kleinigkeiten verbergen ließen, z. B. Ringe, Kettchen, flache Broschen, Gedenkmünzen, zusätzliche Reichsmark (ein Betrag von 1 000 RM pro Person wurde uns vor der Vertreibung offiziell ausgefolgt), Zigaretten (damals auch eine Währung!) u. a. mehr, deren Beschlagnahme durch die Tschechen ansonsten zu befürchten war. Das Bemühen, diese bescheidenen Wertsachen fortzubringen, stand natürlich im Widerstreit mit der Angst vor Entdeckung und ihren Folgen. Vielleicht hatten die filzenden Kontrolleure bei der Durchsuchung des Gepäcks schon davon Wind bekommen?! Das Risiko war beträchtlich und nicht kalkulierbar, wurde aber dann letztendlich mit in Kauf genommen. Frechheit siegt! Mir wurde aufgetragen, auf den Kisten an mehreren Stellen die Namen und
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