Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 198
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Srdcem i rukou

Vor diesem krisenreichen Hintergrund war auch mein persönliches Schicksal düster umwölkt. Das Furchtbarste geschah an einem herrlichen Frühlingssonntag — meine liebe Mama verließ uns für immer. Ich kam mir verstümmelt vor wie die Bettler im Staub der Straße und hatte dabei so viel Sehnsucht nach herzlicher Wärme. Die Jahre dehnten sich langsam dahin, wenn man nur selten glücklich ist. Als die Heimat deutsches Reichsgebiet geworden war, und elf Monate später der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich ein junges Mädchen, das die ersten Wunschträume wie ein Heiligtum hütete. Als Deutschland vor den Trümmern seines verlorenen Krieges stand und ich vor meinen zerstörten Träumen, da war ich eine junge Witwe mit einem ahnungslosen Büblein. Dessen Vater war einstmals auch mit Herz und Hand für's Vaterland ausgezogen, aber nun lag er schon über zwei Jahre irgendwo bei Krasnodar unter heißumkämpfter Erde.

In der Dämmerung eines kalten Dezembermorgens habe ich mit dem Kind zusammen die Heimat verlassen, um in Freiheit eine neue zu finden. Mit aller Kraft mußte ich mich festkrallen, damit ich auf die Beine kam. Und dann brachte mir das Schicksal die ersehnte Wende. Ich durfte endlich glücklich werden, glücklich mit einer richtigen Familie.

Seither sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen. Unser deutsches Vaterland ist aber immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Es hat immer noch eine Grenze aus Mauer, Eisen, Gitter und Strom mittendurch, und zigtausend Menschen sind auf der Flucht. Ihre Wurzeln sind daheim geblieben. Oft werden sie darum weinen. Alle Flüchtlinge müssen das erfahren. Alle Flüchtlinge der Welt dürfen das auch laut beklagen, nur die deutschen Flüchtlinge sollen es nicht. Sie sind ja eigentlich auch gar keine Flüchtlinge, sondern vielmehr nach höchstem Beschluß und Gesetz Ausgesiedelte, Umgesiedelte, Ausgewiesene und Ähnliches. Wenn sie von der Heimat sprechen, dann ist das Nazismus und Revanchismus, wenn es ein Franzose z. B. tun würde, dann wäre das Patriotismus. Er darf stolz sein auf sein Land, auf seine Kultur, auf seinen Napoleon und sogar auf seine Revolution, obwohl durch sie erschreckend viel unschuldiges Blut geflossen ist. Ja, er darf sogar deren zweihundertsten Gedenktag monatelang feiern, ohne von dem Rest der Welt bemerkenswert kritisiert zu werden. Kürzlich sagte ein junger Mann, der mir nahe steht, daß er sich zwar nicht schäme, ein Deutscher zu sein, daß es ihm aber auch egal sei, ob er ein solcher sei oder nicht. Ich muß gestehen, daß mir diese Worte unter die Haut gingen. Wer oder was hat unsere Jugend so heimatlos gemacht, daß es ihr einerlei ist, wohin sie gehört? Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel die selbstverleugnerische Frage, weshalb wir Deutschen das kleine Wörtchen „deutsch" so wichtig nehmen. Dem möchte ich die Frage entgegensetzen: „Weshalb müssen wir Deutschen immer so total sein?" Es kann doch unmöglich erwartet werden, daß wir uns als eigenständiges Volk aufgeben, nur um zu beweisen, wie tief unsere Reue um begangene Schuld ist. Meine Generation ist kollektiv angeklagt und bestraft worden, sie wird bis zu ihrem Ende darunter zu leiden haben. Unsere Kinder aber und alle Kindeskinder sollen wieder frei durchatmen dürfen. Die gesamte Menschheit sollte die Gebote Gottes zu ihrer zentralen Lebenshilfe machen, dann brauchte sich niemand mehr neue Gesetze und neue Lehren ausdenken.

Jedermann dürfte getrost ein Patriot sein, und unsere Kinder dürften unbetadelt ihre Heimat und das kleine Wörtchen „deutsch" lieben. Alle Menschen brauchten nicht mehr mit Herz und Hand für's Vaterland leiden, jedermann könnte stattdessen glücklich sein über den Frieden auf Erden.

So einfach könnte es sein . . .

Hermine Walter geb. Palm

Der Schlaggenwalder Heimatbrief ist die Brücke zur Heimat!

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