Reisegepäck. Von Heini war nichts zu sehen. Ich bekam einen furchtbaren Schreck. Aber als Vater das große Paket auf Heinis Bett abstellte und damit begann es aufzuwickeln, da wurde es mir ums Herz leichter. Ich sehe heute noch, wie er versuchte, meinen Bruder aufzurichten und wie dieser sofort in sich zusammenfiel wie ein leerer Kartoffelsack. Seine schwachen Beinchen waren zu matt für die Körperlast geworden. Aber sonst sah er eigentlich nicht sehr krank aus. Vater stellte fest, daß Heini kein Fieber mehr hatte. „Er hat es bestimmt zwischen den beiden Federbetten im Automobil verloren!" jubelte Vater. Wir waren alle überglücklich. Großmutter brachte emsig eine Krankensuppe, die sich mein tapferer Bruder brav einschlürfen ließ. Beim letzten Löffel schlief er ein. Mama und Großmutter wärmten die Gans, das Rotkraut und die Knödel vom Hl. Abend, und dann hat es uns allen wunderbar geschmeckt. Später gab es noch Apfelstrudel und viele gute Leckereien. Der Herr Chauffeur sank bald auf unser Ledersofa und schlief erschöpft ein. Mama deckte ihn noch mit einer wärmen Decke zu. —
Später erzählten die Eltern, wie alles gewesen war. Bereits kurz nach dem Eintreffen in Chemnitz hätte der Arzt ins Haus kommen müssen, denn Heini hätte sehr schnell hohes Fieber gehabt. Der Doktor habe neben den Medikamenten kühle Wadenwickel empfohlen. Er — mein Vater — sei aber der Meinung gewesen, daß eiskalte Wickel noch besser sein könnten. Aus diesem Grunde habe er auf Tante Maries Balkon Schnee gesammelt und ihn mit Handtüchern zusammen um Heinis Beine gewickelt. Eine wahre Roßkur, die er ihm verpaßt hatte! Was muß doch in dem kleinen Buben an Kraft gesteckt haben, daß er diese überstanden hat. Mein Onkel Ewald war unterdessen in halb Chemnitz herumgelaufen, um einen Mietwagen zu finden, dessen Fahrer bereit war, am 2. Weihnachtsfeiertag über das verschneite Erzgebirge bis Karlsbad zu fahren. Der Arzt hatte zwar den Finger gehoben und zu bedenken gegeben, daß dies eine große Verantwortung sei. Aber Vater wollte unbedingt heim. Er konnte mit seinem Willen Berge versetzen und Meere trocken legen.
Am Morgen nach Mamas Ankunft ging bereits das Abenteuer los. Zwischen zwei Federbetten wurde Heini in das Taxameter verfrachtet. Mama mußte sich daneben hinzwängen. Kein Luftzüglein durfte an das kranke Kind blasen können. Auf der Fahrt über Annaberg-Keilberg mußte immer wieder angehalten werden. Räumkolonnen waren ständig unterwegs, um die Straße von Windwehen freizuschaufeln. Mannshohe Wälle hätten sich links und rechts aufgetürmt, erzählte mein Vater immer wieder. Und an der Grenze hätte der tschechische Zollbeamte unbedingt genau wissen wollen, wer und was im Automobil ist. Darüber hätte sich unsere sonst so sanfte Mama sehr erbost. In ihrem besten Prager Tschechisch hätte sie dem Beamten einige scharfe Sätze ins Gesicht gesagt. Daraufhin hätte dieser erschrocken die Autotüre zugeschlagen und das Zeichen zur Weiterfahrt gegeben. Auf den steilen Serpentinen den Keilberg hinab wären sie fast nur an den Schneewällen langgerutscht. Die Reise sei eine reine Glückssache gewesen.
Mama erzählte, daß ihre Fahrt im Zug nach Chemnitz gleichfalls furchtbar aufregend gewesen sei. Bereits in Neudek mußte die Bahnstrecke vom Schnee freigeschaufelt werden. In Johanngeorgenstadt schien es vollends aus zu sein. Über zwei Stunden hätten viele Männer schaufeln müssen, ehe der Zug weiterfahren konnte. Und dann konnte er nur ächzend über das Gebirge klettern. Mama wäre am liebsten ausgestiegen, um zu schieben. Es wäre bereits dunkel geworden, als sie in Chemnitz ankam. Aber nun sei man gottlob daheim, und Heini werde hoffentlich bald ganz gesund sein.
Doch da freuten sich die Eltern zu früh. Heini hatte nämlich am nächsten Morgen eitrige Mittelohrentzündung. Jeden Tag mußte unser Hausarzt kommen, um ihn zu behandeln. Es muß jedes Mal sehr weh getan haben, denn Heini hatte immer große Angst davor, und hinterher war er vollkommen fertig. Aber geklagt oder gar gewimmert hat er nie. Es kam Lichtmeß heran, als er zum ersten Mal auf seinen klapprigen Beinen stehen konnte. Vater kaufte ihm eine Pelzmütze mit Ohrenklappen, damit er keinen Rückfall mehr bekommen sollte, und Mama stärkte ihn mit Biomalz und Eisenwein. Nur langsam bekam er wieder rote Bäckchen und Muskeln an die Glieder. Später, als schon Frühlingsduft über das Land zog, auf der Eger der Eisgang vorbei war und auf allen Rainen der Huflattich blühte, da sagte mein Vater eines Tages mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung: „Der Winter war hart — aber nun kommt endlich wieder die Sonne!"
Hermine Walter geb. Palm
věta pokračuje na dalším listu ⟶
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.
