Staatsminister Dr. Gebhard Glück beim Egerlandtag in Marktredwitz:
Vertriebene — Anwalt der Aussiedler und DDR-Übersiedler
„DDR baut zweite Mauer vor der Zukunft auf".
Einen eindringlichen Appell, sich unseren Landsleuten aus der DDR nicht zu verweigern, wenn sie mit der Bitte um Hilfe zu uns kommen, richtete Sozialminister Dr. Gebhard Glück beim Egerlandtag 1989 am Sonntag, 3. September 1989, in Marktredwitz an alle Bürger im freien Teil Deutschlands.
In nächster Nähe zur innerdeutschen Grenze und auf die übers Wochenende in Bayern errichteten Zeltlager für DDR-Flüchtlinge eingehend, bezeichnete es Minister Dr. Glück als ein selbstverständliches Gebot der Menschlichkeit, alle notwendigen Vorkehrungen für eine Entwicklung zu treffen, die „die größte Fluchtbewegung in Deutschland seit der Vertreibung werden könnte". Glück zeigte sich überzeugt: „Wir wollen und wir werden diese Situation gemeinsam bewältigen." Die Bevölkerung Bayerns heiße die Flüchtlinge willkommen, doch die Ursachen dieses Flüchtlingsstromes könne man hier nicht lösen. Die DDR errichte heute eine zweite Mauer, die die Menschen dort von den begrüßenswerten Entwicklungen im Ostblock abriegele. Diese Mauer sei nicht weniger schrecklich als der Stacheldraht, denn sie sei eine Mauer vor der Zukunft. Die Führung der DDR müsse endlich diese Entwicklung ernst nehmen, sich der Realität stellen und auf eine Linie der Menschlichkeit einschwenken. Minister Glück wörtlich: „Niemand im freien Teil Deutschlands hat ein Interesse daran, unsere Landsleute in der DDR zum Verlassen ihrer Heimat aufzufordern. Jedoch bieten wir unsere ganze Hilfe denen an, die sich nur noch vor die Entscheidung Heimat oder Freiheit gestellt sehen und den Weg in die Freiheit wählen." Die Bevölkerung der DDR habe längst begonnen, über einen Kurswechsel abzustimmen, und zwar auf die einzige Art, die das System der DDR erlaube: mit den Füßen.
Die Vertriebenen, die selbst die Schrecken der Vertreibung und den gewaltsamen Abschied von der Heimat erlebt hätten, könnten wohl am besten ermessen, mit welch bangen Gefühlen unsere Landsleute aus der DDR, aus den ost- und südosteuropäischen Ländern zu uns kommen, meinte der Minister. Dieses gemeinsame Erleben macht die seit längerem in der Bundesrepublik lebenden Vertriebenen daher zum „Anwalt der Übersiedler und Aussiedler", die in einem im stärker werdenden Strom täglich bei uns eintreffen. „Helfen Sie mit, unseren neuen Mitbürgern den Anfang bei uns zu erleichtern", rief Glück den Kundgebungsteilnehmern zu. „So wie Sie das Bayern von heute mitgeschaffen haben, werden die Aussiedler und Übersiedler von heute beitragen, das Bayern von Morgen zu verwirklichen!"
Die Neuankömmlinge brauchten jetzt kurzfristig unsere Hilfe, um möglichst schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Diese erwarteten nicht, ihre neue Heimat geschenkt zu bekommen, sie wollten diese durch die eigene Arbeit gewinnen.
Im übrigen bekräftigte Minister Dr. Glück die nach seinen eigenen Worten klare deutschlandpolitische Positionen, wie sie die Bayerische Staatsregierung stets vertreten habe. „Wir stehen zum Wiedervereinigungsgebot in der Präambel des Grundgesetzes ohne Wenn und Aber, und wir halten daran fest, daß die Deutsche Frage offen ist." Die Ostverträge, die Verträge mit der Sowjetunion, mit Polen und der Tschechoslowakei, hätten nichts an der völkerrechtlichen Lage Deutschlands geändert. Sie seien Gewaltverzichtsverträge und keine Grenzanerkennungsverträge völkerrechtlicher Art. Das Verschweigen und Tabuisieren von eigenen Rechtspositionen löse nichts und sei auch kein Beitrag zur Aussöhnung zwischen Deutschen und den Völkern Europas. Eine Politik, die von allen Seiten getragen und verstanden werden will, könne nur auf Recht beruhen, nicht auf Unrecht oder gar Gewalt, sagte Dr. Glück. —
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