Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 197
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Dobré silnice umírající krajinou

Gute Straßen durch sterbendes Land

Als ich aufwachte, sah ich als Erstes den Himmel der Heimat. Er war nicht mehr nachtdunkel, aber auch noch nicht taghell. Es war früh am Morgen an einem Sonntag im September, und ich war in Karlsbad. Nach fast dreiundvierzig Jahren hatte ich nun die dritte Nacht hier geschlafen und konnte es immer noch nicht fassen, daß ich in der Heimat war. In der Heimat als Gast, als Fremde.

Ich stand auf und schaute hinaus. Um die Höhen des Dreikreuzberges zeichnete der aufsteigende Tag klare Umrisse. Dennoch konnte ich die altvertrauten Kreuze nicht finden. Es gibt sie nämlich nicht mehr. Wo sich im Laufe von mehr als zweihundert Jahren sogar Fürsten von Geist, Geld und Gut vor dem Christuskreuz verneigt hatten, genau dort steht jetzt ein Fernsehmast. Nirgendwo hatte sich ein besserer Platz angeboten. Und weil man in einem Arbeiter- und Bauernstaat keine religiösen Andachtsstätten benötigt, dagegen aber einen starken Sender, der die leninistische Heilslehre bis in das fernste Winkelchen und bis zum fernsten Menschen bringen kann, deshalb mußten die Kreuze weichen. Bloß scheint niemand als Folge glücklich geworden zu sein, denn nirgendwo kann man echte Fröhlichkeit finden. Wo für Gott kein Platz ist, dort bleibt das Lachen bald im Halse stecken. Dafür gibt es ja genug Beispiele rings um den Globus . . .

Langsam ließ ich meinen Blick talwärts wandern. Hinter den Fenstern der prachtvollen Häuserfront auf der „Alten Wiese" brannte kein einziges Licht. Die schönen stuckreichen Fassaden sind nur noch trügerische Staffage und bröckelnde Erinnerungen, die in der Nacht von den zuckenden Straßenleuchten märchenhaft verzaubert werden.

Längs der „Neuen Wiese", an einstigen Kurhäusern vorbei, sah ich nun dunkle Gestalten schleichen. Sie gingen zum Brunnentrinken und waren noch unausgeschlafen. Ihre sozialistischen Einheitstrinkbecher trugen sie in kapitalistischen Cellophanbeuteln, etwa von Quelle, Kaufhof oder Horten. Um die Ecke herum kam eine röchelnde Straßenkehrmaschine und begann ihre Morgenarbeit mit Ächzen und Stöhnen.

Bis zu mir in den vierten Stock wehte ständig der Geruch von trocknender Zementmasse. Vor dem Hotelportal gähnte nämlich trotz Hauptsaison eine Tiefbaustelle. An seinem Platz hatte einstmals ein duftendes Blütenrondell die ankommenden Gäste begrüßt und die scheidenden verabschiedet. Und nun sollen statt dessen schon bald ausgeklügelte Wasserspiele dem westlichen Devisenbringer zeigen, welche Reinheit noch immer aus der böhmischen Erde sprudelt. Inzwischen wird nur wenige Meter davon entfernt die arme Tepl mühselig und krank zwischen Schuttsteinen rieseln und nur ein Müllgraben sein. Kein Kuckuck wird über das Brückengeländer nach flitzenden Forellen schauen, aber jedermann wird die Nase rümpfen. Sie werden den Springbrunnen staunend begaffen und das Flüßchen aus Gottes Hand verderben lassen. —

Tief bedrückt ging ich ins Badezimmer.

Als ich später wieder an das Fenster trat, war es Tag geworden. Er blickte freundlicher drein als gestern und vorgestern, da der Himmel dauernd nebelverhangen war. Von den Kolonnaden kamen die Brunnentrinker zurück. Etliche Autotüren wurden zugeschlagen. Dann war es wieder still im weiten Rund. Doch plötzlich war es mir, als hörte ich Glocken läuten. Ich lauschte ohne Atem. Und wirklich, von der Magdalena-Kirche klang es fast so geliebt und vertraut wie vor vielen Jahren. Nie hatte ich geglaubt, daß ich diesen Glockenklang noch einmal hören würde. Eilig lief ich in das Badezimmer, um meinen Mann zu holen, denn ich wollte, daß er sich mit mir freuen sollte. Doch ehe er sein Rasierzeug weglegen und zu mir an das Fenster kommen konnte, war der letzte Glockenton verhallt. Länger als eine Minute konnte es nicht geläutet haben. Ich war mir tatsächlich nicht mehr ganz sicher, ob ich etwas gehört hatte oder nicht. Auch mein Mann schien zu zweifeln. Erst als gegen acht Uhr die Glocken wiederum läuteten, wußten wir, daß ich mich nicht getäuscht hatte. Die Kinder kamen gerade zur Türe herein, um uns zum Frühstück abzuholen. Sie erzählten uns nachher, daß sie bereits einen weiten Spaziergang in Richtung „Freundschaftssaal" hinter sich gebracht hätten, weil sie zur nachtschlafenden Zeit geweckt worden wären. Selbst unser Andreas war aus

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