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sah aus, als ob die Leute vom Felde kämen. Kamen sie auch, aber eben aus dem Felde, auf dem gerade der Weltkrieg entschieden worden war, der meinem Vater das Leben gekostet, und mir gleich die Heimat kosten sollte, von allem wußte ich nichts.
Die nächste Erinnerung ist ein Kindersitz am Fahrrad meiner Mutter. Der Sitz war eine Fehlkonstruktion: Er hatte zwar obenauf eine Polsterung aber an den Rädern einen breiten Metallstreifen, der mir während der Flucht dauernd weh tat. Vorne an der Lenkstange hing ein Beutel, der so graugrün war, wie die Leute an den Pferdewägelchen und aus dem ich hin und wieder einen Keks bekam, aber noch seltener als ein Oblatenbruchstück aus dem Schrank.
Wir fuhren über eine weite Fläche, und die Mutter blieb stehen.
Neben uns summte der Wind in den Telefondrähten. Die Ackerfurchen sahen alle aus als seien sie Abzweigungen des daneben befindlichen Straßengrabens, und von weit her kam ein Mensch auf dieser Straße.
Das war unser letzter beider Blick in die Heimat.
Ich erinnere mich dann an einen grünen Wald. Es muß irgendwo im Fichtelgebirge gewesen sein. Die Berge sind nicht mehr so grün, wie sie in der Kindheit waren. Das Waldsterben hat zugeschlagen und hat ihre Gipfel grau und schütter werden lassen, so wie mein Haar.
Wir verschwanden in einem Haus unter großen Bäumen, in dem ein Lastwagen stand. Mutter bekam etwas an dem Fahrrad gerichtet, und ich betrachtete den Lastwagen.
Er hatte ein offenes Führerhaus ganz ohne Dach. Dadurch war eine gerade flache Linie von der Motorhaube bis hinter zur Ladefläche, und aus meiner kindlichen Perspektive bestand er eigentlich nur aus Rädern und einem dicken Strich darüber.
Wir kamen dann zu fremden Menschen, immer und überall fremde Menschen, und keine Bleibe. Aber es waren Kinder da, viele Kinder, und es gab ungeahnte Möglichkeiten zum Spiel. Sich z.B. auf den Turm eines ausgebrannten Panzers zu setzen, und die anderen saßen drinnen und ließen die draußen im Kreis herumfahren. Dergleichen habe ich jüngst im Fernsehen von afghanischen Widerstandskämpfern mit russischen Panzern gesehen. Und sie hatten den gleichen Ausdruck kindlicher Freude in den Augen, wie er uns damals wahrscheinlich zu Gesicht stand. Es war bloß kein Fernsehen da.
Eines Tages verflog der Ausdruck der Freude.
Wir warfen einen Gegenstand gegen einen großen Tank und freuten uns an dem Dröhnen. Wir Kleinen durften bald nur noch zusehen. Die Großen hatten dieses Spiel exklusiv für sich reserviert. Da war es auf einmal nicht mehr ein Dröhnen, sondern eine Explosion, und einen, der eben noch lachte, hatte es zerrissen.
Da lag der Körper vor uns: schwarz, dreckig, verqualmt und an einer Stelle, wo der Körper noch zuckte, da wurde es rot, blühend rot, wie eine Rose, deren Ränder im Verblühen auch in eine rauchige Schwärze übergehen. Und dann war es still. Totenstill. Das Fleisch zuckte nicht mehr und kein Kind sagte etwas. Bis das Weinen und Schreien der Angehörigen einsetzte, die herbeigelaufen kamen.
Was ein Kind war, wurde in einen Sack gesteckt und auf einem Handwagen in die dörfliche Leichenhalle gezogen. Wir liefen mit Rotznasen hinterher.
Die Aussegnungskirche hatte regelmäßige Fenster mit einem halbrunden Sturz. Ich mag keine regelmäßigen Fenster, die unregelmäßigen mit farbigen Gläsern in einer modernen Kirche sind mir lieber.
Das war Weihnachten 1945. Das kindliche Bewußtsein hatte sich in einem Jahr geöffnet bis hin zum Bewußtsein vom Sterben des Menschen.
Rudolf Heindl
Der Schlaggenwalder Heimatbrief ist die Brücke zur Heimat!
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