Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 196
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Práh dveří

Nun bäckt Tante Agnes schon lange keine Kuchen mehr, und auch der Onkel Franz bindet keine blaue Schürze mehr um. Beide liegen auf einem Allgäuer Dorffriedhof, nicht weit von den Bergen entfernt. Sie sind nicht über ihren Trittstein getragen worden, so wie es gewesen wäre, wenn sie hätten zu Füßen der St. Georgskirche in Schlaggenwald ihre letzte Ruhe finden dürfen.

Während ich jetzt so bei dem alten, guten Trittstein stand und meinen Überlegungen nachhing, kam mir plötzlich der Gedanke an die Weinhart-Großmutter. Sie ist noch über den Trittstein getragen worden. Immer deutlicher erinnere ich mich daran. Davon möchte ich erzählen, weil in dieser Geschichte auch viel Brauchtum verborgen ist.

Es muß anfangs der dreißiger Jahre gewesen sein. Entweder geschah es im späten Herbst oder im späten Winter, da kam eines Tages unsere Milchfrau, die gute Frau Eckl und brachte eine Nachricht von meiner Großmutter aus Gfell. Wenn es nämlich bei Großmutter pressierte, dann lief sie nicht nach Schlaggenwald, um für teueres Geld ein Telegramm aufzugeben, o nein, sie lief zum Herrn Lauterbacher, der in Gfell daheim war und in Meierhöfen arbeitete. Täglich fuhr er mit dem Tepltalbähnchen bis Aich. Dabei traf er immer unsere Frau Eckl, die bereits in Schönwehr zugestiegen war. Sie nahm von Herrn Lauterbacher die Botschaft in Empfang und lieferte sie samt der Milch pünktlich um sieben Uhr in meinem Elternhaus ab. So bekamen wir also eines Tages die Nachricht, daß die Weinhart-Großmutter krank sei und nach Karlsbad ins Spital gebracht werden mußte. Meine Mama, die stets ein mitleidendes Herz hatte, beschloß sofort, daß sie die Kranke aufsuchen würde. Ich durfte mitkommen.

Die Weinhart-Großmutter lag in einem großen Saal, wie das damals noch üblich war. Links vielleicht zehn Betten unter hohen Fenstern, rechts vielleicht 10 Betten unter hohen Fenstern, in der Mitte ein langer Tisch mit harten Stühlen daran. Über jedem Bett hing eine schwarze Tafel. Auf ihr stand mit weißer Kreide Name und Alter der Kranken geschrieben, damit jedermann gleich wußte, mit wem er es zu tun hat. Gleich darunter war eine weiße Tafel. Auf ihr war mit Rotstift die Fieberkurve eingezeichnet. So konnte jedermann auch sehen, ob und wieviel Fieber die Kranke quält. Ganz hinten im letzten Bett links fanden wir die Weinhart-Großmutter. Große Tränen rannen über ihr schmales, wachsbleiches Gesicht, als sie Mama erkannte. „Dös freit me owa, dast kumma bist!" sagte sie immer wieder. Als aber Mama selbstgebackenen Kuchen und Eisenwein auf dem Nachtkästchen abstellte, da wehrte sie ab, weil sie überhaupt keinen Appetit und schon gar keinen Hunger hätte. Später erzählte sie, wie es ihr ginge, was man mit ihr gemacht hätte und daß sie solch arges Heimweh hätte. Beim Abschied versprach Mama, daß sie schon bald wiederkommen würde.

Dazu kam es aber nicht mehr, denn die Weinhart-Großmutter war kurze Zeit später heimgebracht worden. Bald schloß sie die Augen für immer. Mama kleidete sich in Trauer und fuhr mit mir zusammen nach Gfell. Es war an einem unfreundlichen Tag, die nasse Kälte kroch uns bis in die Knochen. Erst als wir von Töppeles aus über den steilen „Ochsngrom" kletterten, wurde uns ein wenig warm. Im Weinhartgasserl standen bereits viele Leute, schweigend und in schwarz gekleidet. Meine Großmutter war auch dabei. Der Chinchillaschal umrahmte ihr blasses Gesicht. Sie nahm mich an der Hand und ging mit uns ins Haus. In der Stube lag die Weinhart-Großmutter winzig klein inmitten von hellen Fichtenzweigen und roten Papierrosen. Um ihre runzlichen Hände war ein Rosenkranz geschlungen. Man hatte alle Möbel rausgebracht, nur die Eckbank stand noch da. Auf ihr saß neben schluchzenden Frauen der Weinhart-Großvater. Blicklos schaute er ins Leere. Im Herrgottswinkel über ihm brannte das Ewige Licht.

Es war schön warm in der Stube, denn im Herd knisterte und prasselte brennendes Holz, und auf der Platte dampfte aus einem großen Topf der Duft von Tee und Rum. Tante Agnes stand glutrot davor und schöpfte dauernd die Gläser voll. Mit Behagen ließ man die Wärme in sich hineinlaufen und sah dabei auf das kleine leblose Gesicht zwischen den Fichtenzweigen und Papierrosen. Meine Großmutter trat an die Weihwasserschale, spritzte dreimal über die Tote und machte ihr und sich das Kreuzzeichen. Mama machte es ebenso und ich auch. Dann gingen wir links am Sarg vorbei und kamen rechts zurück. Tante Agnes wartete schon mit drei vollen Gläsern auf uns. Zum ersten Mal durfte ich Tee mit Rum trinken. Wir drängelten uns noch auf die Eckbank, weil ich nicht hinaus in die nasse Kälte wollte. Langsam nippten

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