Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 183
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Když ještě bývalo Weinhartgasserl

Als es noch das Weinhartgasserl gab

Als es noch das Weinhartgasserl gab

Am Himmel meiner Kindheit hängen viele Sterne, große und kleine, gute und böse, matte und strahlende. Einer blinzelt mir noch heute besonders freundlich zu. Ich bin froh, daß es ihn gibt, denn wenn mich manchmal das Heimweh peinigt, dann brauche ich bloß in sein Zwinkern zu schauen, und ich kann wieder lächeln. Der Stern gehört unserem Onkel Franz.

Eigentlich war Onkel Franz nicht mein richtiger Onkel, man könnte sagen, er war es zweiten Grades. Meine angeheiratete Tante Resi war seine Schwester. Ich kannte es jedoch nicht anders, als „Onkel" zu ihm zu sagen, und ich hatte Freude daran. Im weiten Kirchensprengel von Schlaggenwald und noch darüber hinaus war er als „Weinhartschuster" bestens bekannt, woraus zu schließen ist, daß er den soliden Beruf eines Schuhmachers erlernt hatte. Schon früh machte er sich als Meister selbständig und richtete eine Werkstatt ein. Onkel Franz war aber auch Landwirt, Feuerwehrhauptmann, Patriot, Denker, Regisseur, Makler und Schlaumeier. Und er war, was am wichtigsten ist, ein guter Familienvater. Tante Agnes, seine verständnisvolle Eheliebste und fleißige Hausfrau, machte kein Gezeter, wenn er sie immer wieder mit neuen Ideen erschreckte. Bei seiner Arbeit in der Werkstatt hatte Onkel Franz nämlich oft genug Zeit, um seinen Gedanken nachzuhängen. Mein Gott, die Holzstifte und Nägel schlugen sich ja bald von selbst hinein in die Sohlen. Da war es gut, Interessen zu haben. Und was so nebenbei unserm Onkel Franz alles durch den Kopf ging! Zum Beispiel dachte er daran, was als Nächstes auf dem Feld zu tun sei, oder wann die Kuh kalben wird, wie man den Feuerwehrgautag besonders schön ausrichten könnte, welches Theaterstück aufgeführt werden sollte, warum es alleweil Krieg und Streit gibt, wie schlau der Masaryk und der Benesch unser Sudetenland eingesackelt haben, ob der Kontostand im „Sporkassenböichl" beruhigend ist und daß es schön wäre, wenn das Finanzamt nicht überall seine Nase reinstecken würde. Und dann dachte unser Onkel Franz eines Tages darüber nach, wie er rationeller arbeiten könnte. Daß er an jedem Wochenende stundenlang per pedes unterwegs war, um seine Kundschaft zu beliefern und neue Arbeit abzuholen, wurmte ihn schon lange. Inmitten von Stiefelschäften, Bauernschuhen, Leisten, Lederplatten, Schnittmustern, Schusterpech, Nägeln, Absatzeisen, Kalbs-, Rinds- und Schweinehäuten begann er allmählich zu träumen. „Ä Motorradl müissate häm!", stöhnte er, als ich einmal zu seinen Füßen auf der Estrade saß, „Dåu kennte än Haffn Zeit spårn!".

Ich wußte, daß er nun so lange an diesem Traum basteln würde, bis endlich das Motorrad im Weinhartgasserl steht.

Als ich wieder nach Gfell kam, war der Frühling eben ins Land gezogen. Himmel und Erde waren frisch gewaschen, es roch nach Ackerfurchen und nach Dorf... Die Sonne sparte nicht mit Wärme und Gold und kleckste mir die ersten „Sunnaspriessla" ins Gesicht. Ich hatte Osterferien, und meine Großmutter hatte die Stube voller Enkelkinder. Die Karwoche war fast vorbei, wir machten uns fein für die Auferstehungsfeier in Schlaggenwald. Wir hatten uns mit einer großen Schar Kinder ins Weinhartgasserl verabredet. Da waren die Marianne und der Franzl (Weinhart), die Zenknmoidla, die Windhuafmoidla, die Gräfnkinna, die Simon Erna und die Kuhlmüllakinna. Als wir zum Gasserl kamen, waren noch nicht alle anwesend.

Zuerst sahen wir das Motorrad. Groß, schwarz und glänzend stand es gleich bei Onkel Franzens Haustüre. Franzl, unser guter Freund, hielt sich am Lenker fest und bewachte die kostbare Neuerwerbung seines Vaters. Sogar seine Schwester Marianne durfte es nicht anfassen. Wir wagten uns auch nicht zu nahe heran und staunten im Halbkreis über dieses Wunderwerk der Technik. Die Buben begannen langsam ihre Halswirbel auszurenken, sie kauerten und knieten davor und verharrten atemlos in stiller Ehrfurcht. Manche inspizierten sogar aus der Froschperspektive. Mich interessierte die ganze Konstruktion wenig. Eigentlich hätte ich nur einmal hören wollen, wie die Hupe klingt. Da rief auch schon einer von den ganz Ergriffenen: „Franzl, tou amol teffen!" Freund Franzl erschrak, wurde verlegen und antwortete gedehnt: „Ä-na, da Dada schimpft!" Doch der hingeworfene Funke hatte bereits Feuer entfacht, alle schrien: „Franzl, tou amol teffen!" Der Franzl wehrte sich verzweifelt: „Na," sagte er „da Dada schimpft!"

„Du bis jä vül za feig!" behauptete plötzlich einer, und die anderen fanden, daß das eigentlich stimmt. Solche Worte trafen unseren Franzl mitten ins Mark. Feig?! Nein, das war er nicht! Zornig bäumte er sich auf, griff mit beiden Händen in die Hupe und „teffte" so laut, daß wir vor Schreck gleich drei Meter zurückwichen. Onkel Franz stand augenblicklich im Hauseingang.
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