Kriegsweihnacht 1944 — Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung
40 Jahre sind seit Ende des Krieges vergangen. Eine lange Zeit und doch nahe in unserer Erinnerung und den schlimmen Folgen nach einem verlorenen Krieg. Verheerend wirkte sich die Rache der Siegermächte aus. Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Stammländern, Verlust von allem Hab und Gut dieses Teiles unseres deutschen Volkes. Viele Tote, vor allem Frauen und Kinder, klagen heute noch an. Aber wer hört darauf? Mit Schaudern schauen wir heute in diese vergangene Zeit zurück.
Allerheiligen und Allerseelen, diese Gedenktage an die Toten lassen uns das Leid, das vielen Schlaggenwalder Landsleuten und aus der dörflichen Umgebung widerfahren war, niemals vergessen. Wieviele von uns würden gerne die Gräber der in dortiger Erde begrabenen Angehörigen schmücken und ein stilles Gebet sprechen. Aber wer würde noch die letzte Ruhestätte finden auf dem verwahrlosten Gottesacker? Nein, es ist besser man wahrt die Stelle so im Angedenken, wie wir sie noch gepflegt in der Erinnerung haben.
Wir gedenken der Freunde und Bekannten, der Soldaten, die im Inferno der Schlachten bis zuletzt an den Fronten aushielten und ihr Leben opferten, die Gesundheit verloren und in den Gefangenenlagern jahrelang Unmenschliches erlitten haben. So bleibt mir die Kriegsweihnacht 1944 unvergessen, die ich mir erlaube im Heimatbrief zu schildern.
Von Rußland wurden wir nach dem Westen zurückgedrängt, weil die Alliierten in der Normandie gelandet waren. Mit meiner Kampfeinheit befand ich mich um die Weihnachtszeit 1944 in den Wäldern der Vogesen. Der Winter hatte sich damals sehr hart gezeigt. Am Hl. Abend lag ich mit meinen Soldaten in den Kellern in Pitsch. Die Panzer der Amerikaner und die Jagdflieger der Alliierten waren pausenlos über uns. Diese kannten keine heilige Zeit. Aber als der Abend nahte, wurde es doch plötzlich still. Kein Donnern der explodierenden Geschosse war mehr wahrzunehmen. Nun rückten wir noch enger in den unbequemen unterirdischen Behausungen zusammen. Nur noch einige Brotkrümel hat mancher noch als Vorrat vorzuweisen. Essenträger kamen schon lange Zeit nicht mehr an die äußerste Frontstellung heran, und die Verpflegung war für uns äußerst schlecht geworden.
So konnte an eine Feier kaum gedacht werden. Da hockten wir und sannen darüber nach, wie doch einst Weihnachten ein schönes Fest war. Allen war die Traurigkeit anzusehen. Man konnte sich ja den Gedanken nicht entziehen, daß es die letzte Stunde unseres Daseins sein könnte. Da auf einmal kam der Unteroffizier Krüger zu mir und teilte mir mit, er habe ein kleines Bäumchen mitgebracht. In die Mitte des engen Raumes wurde es hingestellt. Ein kleines Kerzlein zierte es und wir spürten alle, daß es doch noch ein Weihnachten gebe. So mancher wischte sich über die Augen. Wer hätte in diesen Augenblicken nicht an Frau, Kinder, Eltern und Bräute gedacht. Wir spürten die Kälte und den Hunger nicht mehr. Wir horchten in die Winternacht, aber es blieb still um uns. Dann fing doch einer nach dem anderen mit dem Erzählen von daheim an. So erlebten wir einen ruhigen Hl. Abend in den Kellern der Frontstellung.
Aber kaum war Mitternacht vorüber, da drang Motorengeräusch in unsere Stellung. Sofort krochen wir aus der provisorischen Unterkunft in die Stellung zu den wachenden Kameraden. Es war unsere Ablösung, die herangeschafft wurde. Aber statt der Freude über unseren Ersatz folgte das tiefe Entsetzen. Plötzlich schlug ein Volltreffer etwa 50 Meter meines Aufenthaltes in den mit Soldaten besetzten Lastkraftwagen ein. Noch heute klingt mir das Bersten und Dröhnen in den Ohren. Von den 17 Mann Besatzung waren nur 6 Schwerverwundete noch am Leben. Wir aus den Kellerlöchern krochen zu dem Unglückswagen, um zu bergen und zu helfen. Die 6 verwundeten Kameraden schafften wir in unser Kellerloch. Einen Schwerverwundeten verband ich, dem der ganze Rücken aufgerissen war. Es war ein 42jähriger Mann. Er sagte zu mir: „Es ist der erste Einsatz an der Front für mich, hab' eine Frau und zwei Kinder. Vielleicht komme ich bald heim. Aber es war ihm nicht bestimmt. Im Morgengrauen starb er. In solchen Stunden fragt man sich wo der Himmel ist, und wo es zur Hölle geht.
So war der Heilige Abend und die Heilige Nacht 1944. Wer könnte je ein derartiges Weihnachten vergessen. Inzwischen habe ich 40 Weihnachten nach diesem Erlebnis mit meiner Familie zusammen verbracht. Davon die ersten in der Kriegsgefangenschaft in Frankreich.
In Dankbarkeit denke ich zurück, daß es mir doch gegönnt war wieder mit gesunden Gliedern aus dem Inferno des Krieges herausgekommen zu sein. Viele Landsleute werden gleiches oder ähnliches erlebt oder erfahren haben. Darum ist es der größte Wunsch, nie wieder solche Grausamkeiten erleben zu müssen, wie sie auf uns alle herniederschlugen.
Wenzel Peterlik
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