Wallfahrtskirche für Sudetendeutsche
Große Begeisterung hat bei den Vorsitzenden der Heimatkreisgruppen und bei den Bezirksvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft von München und Oberbayern der Vorschlag des Ordinariats ausgelöst, ihnen eine Wallfahrtskirche zur Verfügung zu stellen. Diese soll, als Symbol für alle Wallfahrtsstätten im Sudetenland, mit Gnadenbildern aus der Heimat der Vertriebenen ausgestattet werden und zum Andenken an diese eine Gedenk- und Begegnungsstätte für die Sudetendeutschen sein.
Das Erzbischöfliche Ordinariat hatte dazu, wie der Präsident der Ackermann-Gemeinde Joseph Stingl bei einer ersten Vorbesprechung mitteilte, die Wallfahrtskirche Allerheiligen in Warngau angeboten. Dieses Gotteshaus werde derzeit renoviert; mit einer Fertigstellung dieser Arbeiten sei in ein bis zwei Jahren zu rechnen. Die Kirche sei gerade für diesen Zweck ideal: zum einen sei sie verkehrsmäßig sehr günstig gelegen, zum anderen könnten in den vielen Nischen dieser Kirche die Gnadenbilder der Sudetendeutschen Platz finden. Damit wäre jeder Einzelgruppe auch die Möglichkeit geboten, ihr besonderes Gnadenbild nachmachen und dort aufhängen zu lassen, wobei allerdings noch besprochen werden müßte, welche Wallfahrtsorte des Sudetenlandes dabei berücksichtigt werden könnten. Das Ordinariat habe mit diesem Angebot vor allem die Hoffnung verbunden, daß sich die Ackermann-Gemeinde auch für die Wiederbelebung dieser Kirche einsetze.
(Münchner Katholische Kirchenzeitung v. 23.6.1985)
Jungen viel Zärtlichkeit, jeden Abend setzte er sich mit ihm an das Fenster und spielte mit ihm. Mein Rudi war ihm ein Trost im Schmerz um seinen Rudi geworden. Die Frau dagegen verrichtete teilnahmslos ihre Arbeit und schaute mit leeren Blicken in die Welt. Sie schien nicht mehr zu leben, keine Seele mehr zu haben . . .
Und doch, als sie nun so plötzlich zitternd vor mir stand, flackerte entsetzliche Angst in ihren Augen. „Mein Mann! Mein Mann!" hauchte sie immer nur. Er hatte dort zu tun gehabt, wo Bomben gefallen waren, das hatte die Ärmste inzwischen erfahren. Ich führte sie zunächst in ihre Wohnung, versuchte sie zu beruhigen, und dann lief ich hinunter zur Polizeistation. Das Telefon klingelte dort pausenlos, die Beamten hatten besorgt Anfragen zu beantworten. Niemand wußte Genaueres, in der Stadt waren auch alle Zufahrtsstraßen abgesperrt, nur schnell aufgestellte Arbeitstrupps durften zu den Abwurfstellen. Herr Pollak, ein Berliner und Leiter der Polizeistation, konnte mir keinerlei Auskünfte geben, aber er würde sofort raufkommen, sobald er etwas in Erfahrung gebracht hätte. Ich ging wieder zu meiner Nachbarin. Sie saß genauso da, wie ich sie verlassen hatte. Stumm streichelte ich über ihre schmalen Schultern. Rudi hielt ihr sein Holzpferdchen zum Spielen hin.
Plötzlich stand Herr Pollak im Zimmer. Er war kreideweiß, man sah ihm an, daß ihm das, was er zu sagen gezwungen war, die Zunge lähmte. Er hob wie bittend die Hände, ließ sie aber gleich wieder fallen. Er brauchte nichts mehr zu sagen, wir wußten auch so, was geschehen war. Was dann kam, war beinahe unheimlich. Die so schwer getroffene Frau weinte nicht, sie schrie auch nicht, sie saß erstarrt da und blickte auf das Holzpferdchen, daß ihr mein Kind noch immer hinhielt. Herr Pollak schlich sich aus dem Zimmer, als ob er schuldig geworden wäre. Ich streichelte wieder den Rücken der Leidgeprüften.
Später kamen die Verwandten aus Aich, die von der Polizeistation benachrichtigt worden waren. Wir bemühten uns zwar alle um die arme Frau, aber ihr Geist war in einer anderen Welt. Ihr Körper fiel so rapid zusammen, daß sie immer mehr das Bett hüten mußte.
Eines Tages, es war Ende Oktober, traf mich die entsetzliche Nachricht, daß mein guter Bruder vor den Toren Bolognas an einem amerikanischen Granatsplitter verblutet war. Mein Vater bat mich schmerzgebeugt, daß ich ins Elternhaus zurückkehren solle. Als das traurige Weihnachtsfest 1944 vorbei war, kamen immer mehr Flüchtlinge gehetzt aus dem Osten in unsere Heimat. Zwei Frauen mit Kindern, abgehärmt und ausgehungert, sie waren in Liegnitz daheim gewesen, fanden in meiner Wohnung eine Bleibe. Ich ging mit meinem Kind zurück nach Meierhöfen, was sich später noch als ein großes Glück erweisen sollte. Unser Haus war zwar voll von Berlinevakuierten und einer Familie aus Breslau, aber wir rückten eben noch mehr zusammen. Die Not hat uns verbunden, und wer weiß, ob wir nicht auch bald unter einem fremden Dach leben würden, mein Kind und ich . . .
Die beiden Liegnitzerinnen waren froh, daß sie mit ihren Kindern zusammen vor der Mühsal der winterlichen Flucht in Aich ausruhen konnten, und sie kümmerten sich in rührender Weise um meine schwerkranke Nachbarin. Diese wurde von Tag zu Tag weniger. Mit fieberbrennenden Augen lag sie in ihrem Bett und wartete sehnsüchtig auf die Erlösung.
Die feindliche Umklammerung, die unsere Heimat würgte, wurde immer enger. Und dann kam der Tag, an dem sich Ost und West an unserer Eger die Hand reichten und im Siegesrausch Leuchtkugeln in die linde Maiennacht schossen, während wir uns vor Angst und Schrecken verkrochen.
Ich konnte und wollte auch nicht nach Aich, um nach meiner Wohnung zu sehen. Über den Fluß hörten wir die Hilfeschreie gepeinigter Frauen und an den Brücken standen russische Wachtposten. Nun war ich dankbar, in Meierhöfen zu sein, denn links der Eger war damals amerikanische Besatzung. Von groben Übergriffen durch sie hörte man kaum etwas. Dennoch war ständig Vorsicht geboten, denn das Kriegsende hatte viel zweifelhafte Elemente aus halb Europa in unser kleines Land gespült und gab ihnen den Freibrief, über alle Deutschen herzufallen.
An einem Morgen stand plötzlich Herr Pollak vor uns. Er hatte bis zum letzten Tag seinen Posten nicht verlassen gehabt, dann aber flüchtete er, bevor er von den Russen abgeholt werden konnte. Er kroch Meter für Meter bis zum „Hans Heiling", um in der Nacht an das linke Egerufer zu gelangen. Lange Zeit wagte er den Sprung in das brausende Wasser nicht und hielt sich darum in Felsnischen versteckt. Nun brauchte er unsere Hilfe, denn er wollte weiter zu seiner Familie nach Berlin. Er erzählte, daß ihm meine Nachbarin das Leben gerettet hätte, während sie doch selbst im Sterben läge. Als er sich bereits stundenlang unter dem Bett der Todkranken verkrochen hielt, kamen angetrunkene Russen in das Haus gestürzt und wüteten fürchterlich in allen Räumen. Mit Bajonetten hätten sie in die Betten gestochen und „Frau! Frau!" gerufen.
Unser Herr Pollak hätte sein sicheres Ende vor sich gesehen und zu Gott um Hilfe gerufen. Mit einem Male polterten die rauhen Männer in das Zimmer, aber ihr Johlen erstickte augenblicklich, denn sie blickten in die Augen einer Sterbenden, die sich aufgerichtet hatte, weil sie ein heftiger Hustenanfall erschütterte. Da schrieen die Eindringlinge nur noch etwas von „Infektion" und stürzten in höchster Eile aus dem Zimmer. So hat meine leidgeprüfte Nachbarin dem Menschen, der ihr die letzte fürchterliche Nachricht ihres Lebens gebracht hatte, noch das Leben gerettet. Wie eng sind doch unsere Schicksale miteinander und ineinander versponnen.
Während Herr Pollak den Weg nach Norden zum Erzgebirge einschlug, kroch an mir der endlose Zug von Vertriebenen, Gehetzten und Entkommenen auf der Staatsstraße Richtung Eger vorbei. Ich kann es nicht schildern, wie kalt und grausam in mich die Erkenntnis und Gewißheit kroch, daß ich schon damals am Waldrand, während des Fliegerangriffes auf Karlsbad, begonnen hatte, von der Heimat Abschied zu nehmen, und daß auch ich bald mit meinem Kind diese Straße des Elends und der Schmerzen gehen würde . . .
Hermine Walter, geb. Palm
[obr] Neue Straße durch Schlaggenwald zur neuen Siedlung
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