Das jüngste von Tante Annas Kindern war mein Onkel Rudi. Ich verlor ihn schon sehr früh aus den Augen, denn er mußte zur Ausbildung nach Reichenberg, wo er Zahnarzt wurde. Tante Anna las immer seine Briefe vor, dabei war sie ein wenig stolz und ein wenig traurig. Tränen rannen ihr aus den Augenwinkeln. Der arme Junge war weit fort und mußte sich dort allein durchs Leben schlagen! — Als Onkel Rudi noch ein ganz junger Bursche und in Neusattel war, mochte er mich nicht so besonders gut leiden. Ich war für ihn ein lästiges, albernes Gänslein, das ihn ständig nervte. Mit allerlei schockierenden Lektionen suchte er mich in Schach zu halten. Er und sein Bruder Ludwig setzten mich eines Tages in Tante Annas Wäschekorb und schleuderten mich damit immerzu vertikal im Kreis herum. Mein bibberndes Körperchen quetschte es dabei ganz fest an den Korbrand. Ich konnte nur noch wimmern. Als sie mich endlich absetzten, torkelte ich eine ganze Weile blaßgrün durch die Gegend. Ich war wütend und schwor Onkel Rudi ewig Rache. Aber dann war er plötzlich fort. Erst nach fast fünfzig Jahren sah ich ihn wieder. Von Rache war keine Rede mehr. Ich war froh, daß ich ihn gefunden hatte, er allein war mir von Mamas Angehörigen geblieben.
Ich hoffe, daß Sie, lieber Leser, vor lauter Onkel und Tänten in meiner Erzählung nicht rammdösig werden, aber sie gehören eben alle dazu.
Eigentlich wollte ich die Geschichte schon lange schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Ich wollte nämlich meinen Onkel Rudi auch eine Freude damit bereiten. Nun kann er sie leider nicht mehr lesen, ich bin wieder einmal zu spät gekommen.
Die Glaskugel bei meinem Philodendron erinnert mich auch daran.
Hermine Walter, geb. Palm
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Als der Abschied begann Wir schrieben damals das Kriegsjahr 1944.
Es war September geworden, Mitte September.
Ich war seit fast zwei Jahren Kriegswitwe und wohnte mit meinem Kind in Aich. Es war ein wunderschönes Plätzchen mit Blick über das Egertal zum Hornerberg und zur blauen Kette des Erzgebirges.
In meine Familie hatte der Krieg Lücken gerissen und Wunden geschlagen, Gott allein wußte, was uns noch bevorstand. Nachts kroch mir rasende Angst in die Kehle, und ich begann zu ahnen, daß der Heimat ein entsetzliches Schicksal drohte. Ringsum rückten die Fronten immer näher, und der Glaube an eine Wunderwaffe, die uns aus der Umklammerung befreien würde, kam unaufhaltsam ins Wanken. Der „Totale Krieg" war ausgerufen worden, und alles, was nach Kraft aussah, wurde in diese Maschinerie geworfen. Meinen Bruder hatte man trotz der russisch abgefrorenen Zehen erneut an die Front geschickt. Er sollte mithelfen, die Amerikaner bei Monte Casino aufzuhalten. Die spärlichen Nachrichten von ihm waren aber bedrückend und hoffnungslos. So gingen in dieser Zeit des Kummers und des Bangens die blühendsten Tage der Jugend unter.
An einem Morgen nun setzte ich meinen Jungen in sein Sportwagerl und fuhr ihn gegen den „Hans Heiling" spazieren. Das Kind hatte eine unruhige Nacht gehabt. Sirenengeheul hatte die Stille zerrissen und die Angst hochgepeitscht. Ich konnte das kleine Wesen kaum beruhigen und wieder in den Schlaf wiegen. Nun lag es friedlich und losgelöst von aller Pein vor mir, und ich schob es in der frühen Herbstsonne über die Landstraße. Die Erlen und Weiden an der Eger warfen dunkle Schatten in das Wasser, und auf den Hängen des Hornerberges malte der Herbst seine ersten Goldfarben.
Da plötzlich, in den Zauber hinein, heulten erneut die Sirenen. Es durchfuhr mich ein heißer Strahl, das Herz pochte bis zum Hals.
Rudi wurde diesmal nicht wach. Schnell fuhr ich das Wagerl ins Gebüsch am Straßenrand, legte das Bürscherl auf die Decke, die ich zu einem Bündel knotete und trug dieses nach Zigeunerart den Berg hinan zum Waldrand. Dort setzte ich mich im Schutze alter Fichten neben das schlafende Kind. Kurz darauf donnerten vom Tepltal her über den Aberg und St. Leonhard amerikanische Bomber. Sie waren vollgeladen, man konnte es an ihrem dumpfen Grollen hören. Während ich noch an die armen Menschen dachte, über denen diese Todeslast ausgeklinkt werden würde, hörte ich plötzlich Rauschen und kurz darauf Detonationen. Ich wußte sofort, daß Karlsbad getroffen worden war. Unser schönes Karlsbad! Vollgestopft mit Verwundeten, Evakuierten, Flüchtlingen und Gejagten. Sehen konnte ich von meinem Platz aus nichts. Der Aberg stand mir im Blickfeld. Rudi war immer noch nicht wach geworden. Mein
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