Die Brunnenweihe
Die Brunnenweihe
Der Frühling war in vollem Gange. Ringsherum maite es wunderbar mit Blütenduft, Vogelgezwitscher und Liebesseufzen.
Da kam an einem Morgen unsere Frau Direktorin lavendelfrisch ins Klassenzimmer. Auf ihrem hohen Busen zitterte ein Sträußlein zarter Veilchen, ihr strenger Zwicker blitzte in die Runde und ihre helle Stimme hallte über unsere Köpfe hinweg: „Kinderlein", so rief sie aus, „ihr wißt alle, daß am 10. Mai Brunnenweihe ist.
Unser Herr Bürgermeister möchte haben, daß sie in diesem Jahr ein ganz besonders schönes Fest wird. Neben den vielen örtlichen Vereinen und Berufsgruppen soll sich vor allem auch die Schuljugend am festlichen Umzug beteiligen. Um ein schönes und farbenfrohes Bild zu erreichen, kommt ihr am besten in Dirndlkleidern, und zum Winken bringt ihr Blumensträuße mit! Wir versammeln uns auf dem großen Platz vor der Markthalle! Den genauen Zeitpunkt werde ich noch bekanntgeben."
Als der Abend kam, mußte ich meinem Vater diese Neuigkeit erzählen. Ich wußte, daß er sich darüber nicht freuen würde. Tatsächlich, sobald er meine Geschichte vernommen hatte, rollte er gefährlich seine Augen und legte die Stirn kritisch in Falten. Man konnte das als sicheres Zeichen ansehen, daß es in Vaters Brust kochte und brodelte. Er war ausgesprochen wütend, daß seine Tochter in Reih und Glied durch die Stadt marschieren sollte, ohne bei ihm um Zustimmung gebeten zu haben. Und überhaupt, aus geschäftlichen Gründen konnte er nicht dulden, daß sich jemand aus seiner Familie an einer öffentlichen Veranstaltung beteiligte. Selbst die Anwesenheit bei der harmlosen Brunnenweihe hätte eine politische Gesinnung demonstrieren können. Die Zeiten waren zu schlecht, man konnte keinen einzigen Kunden vor den Kopf stoßen. Dies alles war mir zwar schon oft gesagt worden, aber mein Vater mußte es in seinem Ärger erneut loswerden. Er meinte sogar, daß ich die Frau Direktorin erst auf den Gedanken mit dem Festzug gebracht hätte, denn das würde mir ähnlich sehen. Erst als ich den Einwurf wagte, daß man sich doch durch einen Anruf bei der Frau Direktorin Gewißheit verschaffen könne, wurde mein Vater still. Meinen Vorschlag wollte er doch nicht in die Tat umsetzen, denn unsere Frau Direktorin war eine markante Persönlichkeit bis weit über die Schulhausmauern hinaus. Ich sah, daß Vaters Widerstand dahinschmolz wie Butter in der Sonne. Da begann ich schnell mein Eisen zu schmieden, so lange es noch heiß war. „Ach ja", sagte ich leichthin, „ich kann ja sowieso nicht mitmachen." „Warum nicht?" wollte Vater wissen. Und ohne das geringste Bedauern in der Stimme erklärte ich, daß ich nichts anzuziehen hätte. Das alte Dirndl wäre mir zu klein geworden. Mit dieser Feststellung hatte ich endgültig die Falle ausgelegt, in die mein Vater stolperte. Daß seine Tochter an der Brunnenweihe nicht teilnehmen könne, weil sie nichts anzuziehen hätte, das ließ er sich nicht nachsagen. „Also gut", sagte er streng, denn er wollte sein Gesicht nicht verlieren, „du kannst mitmachn und a Dirndl kriegst auch!"
Ich war froh. Drei Tage vor der Brunnenweihe hing das schöne Stück an meinem Schrank. Auf hellem Leinen wuchsen rote Heckenrosen an grünen Zweigen. Der Halsausschnitt war in Herzform geschnitten, und die zierlichen Ärmelchen bauschten sich über engen Bündchen. Zum Dirndl gehörte noch eine lindgrüne Seidenschürze mit langen Bändern. Ich träumte, wie hübsch ich am Sonntag aussehen würde, und mein Herz hüpfte vor Freude, sobald ich das Dirndl ansah.
Am Samstag vereinbarte ich mit meiner Freundin Herta, daß sie mich am nächsten Morgen abholen würde. Gegen Abend aber bekam ich heftige Kopfschmerzen und gummiweiche Beine. Beim Nachtmahl war mein Magen ausgesprochen lustlos. Es gelang mir, ohne Mißtrauen zu erwecken, früh ins Bett zu gehen. Ich schlief zwar bald ein, aber in der Nacht wurde ich wach. Du meine Güte, war mir schlecht! Und wie schlecht mir war! Es ging mir erst besser, als ich das bisserl Abendessen wieder loswerden konnte, das ich wenige Stunden vorher so mühsam runtergedrückt hatte. Ich konnte aber trotzdem nicht mehr einschlafen und stand darum sehr früh auf. Ich suchte mich abzulenken, ging an das offene Fenster, atmete tief ein, aber viel besser wurde mir von all dem auch nicht. Auch die Morgenwäsche brachte keine Besserung. Ich zog mein Dirndl an und betrachtete mich entsetzt im Spiegel, denn das Gesicht, das mir aus ihm entgegensah, war so lindgrün wie meine Seidenschürze. Da preßte ich die Lippen aufeinander und rieb mir die Wangen, damit ich Farbe bekommen sollte, aber gleich kam die Blutleere wieder durch. Vater stellte beim Morgenkaffee fest, daß ich „kasweiß" sei, ob mir etwas fehle. Schnell schüttelte ich den Kopf und sagte: „Nein, nein!" Glücklicherweise kam
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