Die Knauers hatten einen vierzehnjährigen Sohn, den sie auf die Höhere Schule geschickt hatten. Damals waren aber immer noch alle Schulen geschlossen, weswegen sich die Eltern sorgten, ihre Kinder könnten viel an Lernstoff vergessen. Da sah ich eine Möglichkeit, wie ich meinen Dank bei den Knauers abstatten konnte, wenigstens ein wenig.
Ich lernte von nun an mit Herbert jeden Tag und freute mich, daß er später den Anschluß in der Schule ohne Schwierigkeiten fand.
Durch Frau Knauers Vermittlung bekam ich auch ein Zimmerchen, wo ich mich mit meinem Kind einrichten konnte. Noch ehe mein Geld aufgebraucht war, erhielt ich auch einen Arbeitsplatz und für Rudi die Tagesbetreuung. Von Frau Knauer wurden wir oft zum Wochenende eingeladen, sie hatte Obst und Gemüse aus ihrem Garten und außerdem viele Kaninchen. Da gab es genug zu essen, auch noch für uns.
Übrigens hatte damals am Hl. Abend Herr Knauer noch meine Habseligkeiten bei Frau A. geholt. Es fehlte allerdings die süße Weihnachtstüte und der Zucker. Herr A. ist wenige Wochen später wegen Tuberkulose in eine Heilstätte gekommen, wo er doch noch geheilt werden konnte. Bei der amtlichen Untersuchung, zu der ich mit dem Kind gehen mußte, stellte sich heraus, daß wir großes Glück gehabt hatten. Eine Infektion, die Rudi allenthalber abbekommen hatte, vermochte er aus eigener Kraft zu überwinden, sie war bereits ausgeheilt.
Abschließend will ich aber noch erzählen, daß sowohl die gute Frau Knauer als auch die böse Frau A. im folgenden Herbst starben. Ich konnte in dieser Fügung keinen Sinn sehen, ich fand sie ungerecht. Wir Menschen können eben Gottes Weisungen oft nicht verstehen. Manchmal wollen wir auch nicht.
Nun möchte ich Ihnen, meine lieben Landsleute, noch viel Freude zum Weihnachtsfest und Gottes Segen für das neue Jahr wünschen!
Hermine Walter, geb. Palm
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Heiligabend 1919 in Schönfeld (Schlaggenwald)
Immer wenn Weihnachten kommt, denke ich an den Hl. Abend 1919 zu Hause. Die ganze Stadt war damals auf den Beinen, und meine alten Landsleute erinnern sich noch ganz genau daran. Mutter hat oft davon erzählt und deshalb ist es mir noch gut in Erinnerung.
Es war sehr kalt damals zu Weihnachten. Meterhoch lag der Schnee und es war mühselig von einem Dorf ins andere zu gelangen. Die Wunden des Krieges heilten langsam und zum ersten Mal seit Jahren gab es wieder einen reichlichen Eß- und Gabentisch. Um sechs Uhr wurde in fast allen Häusern festlich zu Abend gegessen. Das ganze Jahr freute man sich darauf. Wir waren gerade damit fertig und mein Bruder versuchte sich auf seiner Mundharmonika, die er geschenkt bekommen hatte. Da ertönte plötzlich wie wild die Feuerglocke. Im Nu waren alle Leute auf der Gasse. Schon wurde das Feuerhorn geblasen und mit Windeseile wußte es die ganze Stadt: „Der Rote Hof" brennt. Gespenstisch sah es aus, als alle Leute dick vermummt im unwirklichen Leuchten des Schnees zum außerhalb der Ortschaft liegenden Brandherd eilten. Hie und da sah man noch die Lichter eines Weihnachtsbaumes durch die Fenster. Die Feuerwehr, auch die von Schlaggenwald, raste mit Glockengeläut zum Brandherd. Schon von weitem sah man die riesigen Flammen. Es war ein sehr großer Hof mit mächtigen Scheunen und Stallungen und alles brannte wie Zunder. Hilflos mußten die Feuerwehr und alle Umstehenden zusehen, wie das Anwesen bis auf die Grundmauern niederbrannte. Der nahe vorbeifließende Bach war nämlich zugefroren und nirgends Wasser erreichbar. Brüllend lief das Vieh im tiefen Schnee umher, und es dauerte lange bis es eingefangen war. Die Hühner flogen alle wieder in das Feuer zurück.
Der alte Bauer, der Witwer und blind war, hatte in einem Sack das Wertvollste gerettet. Auf diesem saß er nun abseits im Schnee und starrte mit toten Augen auf sein dem Untergang geweihtes Lebenswerk. Seinen Kindern gelang es nur schwer, ihn endlich wegzubringen. Bis zum frühen Morgen wütete der Brand. Der Hof wurde nicht wieder aufgebaut. Aber die verwachsenen Grundmauern sind noch da.
Viele Versionen gab es über die Brandentstehung. Einige Jahre später starb im Armenhaus in Schlaggenwald eine alte Frau. Auf dem Totenbett gestand sie, daß sie damals den „Roten Hof" angezündet habe. Sie hatte an des Bauern Tür geklopft und um ein Almosen gebeten. Der Bauer, der zwar reich aber geizig war, schickte sie mit der Begründung fort, daß man am Heiligen Abend nicht bettelt. Aus Ärger darüber sei sie heim, habe Streichhölzer geholt und den Hof angezündet.
Anna Egerer (Lochschmidt), früher Schönfeld
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