Der Mensch denk, aber Gott lenkt ...
Hermine Walter, geb. Palm
Das Christkind stand bereits vor der Tür. Durch das Haus zog Weihnachtsduft und Vorfreude. Meine Großmutter war aber noch immer nicht angekommen. Dabei war es schon seit etlichen Wochen besprochen worden, daß sie zum Hl. Abend und zu den Feiertagen bei uns sein würde. Zwar blieb sie in den Wintermonaten am liebsten in der Vertrautheit ihrer eigenen vier Wände, aber wir Kinder hatten so um ihren Besuch gebettelt, daß sie uns diesen Wunsch nicht abzuschlagen vermochte. Nun liefen wir immer wieder an das Fenster, um Ausschau nach unserer Großmutter zu halten. Aber sie kam nicht. Statt dessen kam die betrübliche Nachricht, daß sie beim Wasserholen auf dem Eis vor dem Brunnen gestürzt wäre und sich dabei sehr schlimm aufgeschlagen hätte. Der eine Fuß sei so geschwollen, daß kein Schuh mehr passe, Schulter und Rücken seien voller blauer Flecke und über die eine Schläfe ziehe sich ein tiefer Kratzer.
Wir waren alle traurig, sehr traurig sogar. Unsere Mama mußte bekümmert zusehen, wie Heini und ich plötzlich lustlos und flügellahm durch die Wohnung schlichen. Sie suchte deshalb sofort nach einer Möglichkeit, mit der sie die augenblickliche trübselige Stimmung wieder in eine festliche verwandeln könnte. Da auf einmal rief sie uns und lächelte. Sie meinte, wenn Großmutter schon nicht zum Weihnachtsfest zu uns kommen könne, dann würden wir eben am ersten Feiertag zu ihr fahren. An diesen Ausweg hatten wir überhaupt nicht gedacht, so waren wir nun umso beglückter über Mamas Vorschlag.
Zeitig am Morgen des Weihnachtstages verließen wir das Haus. Nachtblau spannte sich der Himmel über uns. Es lag viel Schnee, aber es war nicht besonders kalt. Mama schleppte an zwei vollgepackten Taschen. Heini trug in seinem Rucksack den neuen Baukasten, den er vom Christkind bekommen hatte. Ich drückte stolz meine schlafende Mamapuppe an die Brust. Vater blieb daheim.
Als wir nach Aich kamen, wurde es allmählich hell. Auf dem Bahnhof wartete außer uns keine Menschenseele. In Töpples stiegen nur wir aus dem Zug. Die Lokomotive stampfte ächzend nach Schönwehr, durch das Tal hallten ihre schrillen Pfiffe.
Mama wählte den Weg nach Schlaggenwald über das Gfeller Kreuz. Über dem „Ochsengrom" lag Eis und tiefer Schnee, wir konnten dort unmöglich gehen. Wir Kinder rutschten ohnehin einige Male aus und fielen auf den Bauch. Mama hatte ihre liebe Not mit uns. Schließlich erreichten wir doch das Kreuz, wo der Weg nach Gfell abzweigte. Unter tiefhängenden Wolken kreisten krächzende Raben. Von Leßnitz her hallte das Gebell der Hunde. Bald waren wir auf der Kuppe, von wo man bereits auf die Dächer des Dorfes schauen konnten. Friedlich lag es unter uns. Aus den Schornsteinen kreiselte der Rauch. Da und dort gackerten die Hühner. Es roch nach Holzfeuer und Stalldung. Wir pirschten uns vorsichtig zum Häuschen und dann am Backofen vorbei die Stiege hinauf, wo wir im „Vürheisla" verschnauften und lauschten. Aus der Stube hörten wir Reisigknistern und Geschirrklappern. Mama klopfte an die Türe, leise kam von drinnen die Antwort meiner Großmutter. Da konnte Heini und mich nichts mehr halten, mit Getöse füllten wir augenblicklich den Raum. Mama mußte Großmutter aus unserer stürmischen Begrüßung befreien, sonst hätten wir diese vielleicht noch umgeworfen, zumal die Folgen des Unfalles noch längst nicht abgeklungen waren.
Mit einem tiefen Schnaufer setzte sich unsere Großmutter auf die Ofenbank. Sie war so sehr überrumpelt worden, daß sie zunächst ihre Gedanken und Gefühle ordnen mußte. Aber dann holte Mama ihre beiden Taschen herbei und packte unsere Geschenke aus. Da war erstmal ein großes Schultertuch aus weicher schwarzer Kaschmirwolle, dann braunkarierte „Táutschn", dann Striezl und Zimtsternchen und dann noch Mohn und dunkelrote Schlatteräpfel von Tante Emilie aus Böhmen. Wir schauten zu, wie die kleinen runzeligen Hände unserer Großmutter alles auspackten und wie die lieben alten Augen in Tränen schwammen.
Mama sagte, daß sie nun die Kocherei übernehmen würde, einiges dazu hätte sie mitgebracht. Wir Kinder sollten inzwischen brav sein und reihum allen Nachbarn ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Da rannten wir gleich los, erst zum Dickla, dann zum Schönhansl, zum Onkel Franz und zur Tante Agnes, zum Weinhart-Großvater, zur Frau Gräf und zur steinalten Baumann-Mouhm. In jedem Haus bestaunten wir den Christbaum, und wir bekamen Naschwerk, Äpfel und Nüsse. Als das Mittagsglöckerl läutete, liefen wir heim. Es hatte inzwischen zu nieseln begonnen. Die Wolken hingen bis zu den Dächern herunter. In der Stube war es duster. Wir wurden bereits erwartet. Auf dem Tisch dampfte schon das Essen. Aufgeregt zeigten wir die
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