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später Station wurde, lebte zu dieser Zeit das Ehepaar Draxler. Es führte ein beschauliches Dasein im stillen Tal zwischen der Bahnstrecke, dem gelben Häuschen und dem bunten Garten. Nun zwängten sich gelbe Tagesköpfe durch den Staketenzaun, und die letzten Rosen glühten an der Mauer.
In Töppeles stieg mit uns eine ganze Schar fröhlicher Wanderer aus. Sie lachten, sangen und nahmen den Weg nach Schlaggenwald. Als wir auf der Höhe bereits dem „Ochsngrom" zugingen, hörten wir es noch immer durch das Tal „das Wa-a-andern, das Wandern" hallen.
Wer den „Ochsngrom" kennt, weiß, daß er seinen Tribut an Schweiß forderte, denn er ist steil und steinig. Vater war natürlich trotzdem wieder vornean. Mühelos sprang er über die ausgewaschenen Rinnen und rief: „Heini, sua mousst's mâchn!" Heini aber konnte es nicht. Er wackelte manchmal gefährlich auf wankenden Steinbrocken. Mama mußte mich nahezu über das Geröll hochzerren, denn ich entsprach in meinem damaligen Alter überhaupt nicht diesen sportlichen Anforderungen. Dazu kam noch, daß die Sonne unglaublich auf den schattenlosen „Ochsngrom" brannte. Endlich waren wir oben. Vater schob sich den Hut aus der Stirn und Mama wischte sich das Gesicht trocken. Wir Kinder dagegen hatten die Mühsal schnell vergessen, hüpften von Baum zu Baum und versteckten uns im hohen Schwarzbeerkraut. Am Waldrand säumte eine Kette alter Wurzelstöcke den Weg. Bei ihrem Anblick schien Vater plötzlich eine Idee bekommen zu haben. Er blieb stehen, wendete sich um und drängte uns mit beiden Armen abseits an den Feldrain. Dabei bedeutete er uns, daß wir nun hier stehenbleiben müßten, keinen einzigen Schritt weg, denn er müsse etwas ausprobieren. Dann holte er aus seiner Jackentasche den dunkelmetallischen Gegenstand, wonach ich daheim so gern gefragt hätte, aber mich nicht getraut hatte. Als ich nun erkannte, daß es eine Pistole war, warf ich mich sofort bäuchlings in die nächste Ackerfurche und preßte meine Zeigefinger tief in die Gehörgänge. Dennoch vernahm ich den Knall des Schusses, den Vater auf einen der Wurzelstöcke abgefeuert hatte, derart, daß es mir war, als hätte unsere liebe, alte Erdkugel einen gewaltigen Ruck bekommen. Ich sprang auf wie ein Hase und rannte über die Furchen talwärts zur Kohl-Mühle. Vaters Schreie hallten hinter mir wie Peitschenschläge, sie konnten mich aber nicht aufhalten. Ich glaubte hinter mir die Hölle zu haben. Einige Male stürzte ich und überschlug mich dabei, aber ich achtete weder auf Schmerz, noch achtete ich auf meine total verschmutzten Kleider. Da plötzlich riß mich eine starke Hand herum und ich sah in die Augen meines Vaters. Er wollte mir nichts tun, er wollte mich nur beruhigen, aber ich schrie und suchte mich zu befreien, was mir auch gelang. Wie eine Katze konnte ich immer wieder seinen fangenden Armen entwischen. Inzwischen waren auch Mama und Heini an die Stätte unseres Turniers gekommen. Schnell nützte ich die Gelegenheit und flüchtete hinter Mamas weiten Mantel. Nun ließ mein Vater die Arme kampflahm fallen und ging stumm die Höhe hinauf nach Gfell. Mama machte mich mit ihrem blütenweißen Taschentuch sowie ihrer und meiner Spucke wieder besichtigungswürdig, trocknete mir die Tränen, die noch in reichlichem Maße flossen und strich mir die Haare aus dem erhitzten Gesicht. Heini stand daneben und lächelte vergnügt. Später hat er mir mehrmals versichert, wie sehr ihm der spannende Kampf zwischen Vater und Tochter gefallen hätte. — Unsere Großmutter kam, als wir bei ihrem Häuschen eintrafen, eben vom Brunnen. Sofort merke sie, daß wir dicke Luft mitbrachten. Nach und nach erfuhr sie den gesamten Inhalt des Schauspiels. Sie war, wie ich erkennen konnte, mit ihrem Sohn nicht einverstanden. Weil sie ihm deswegen etwas zu sagen hatte, schickte sie uns zu den Holzbirnen auf Dickls Paint. Wir wußten aber trotzdem, daß sie jetzt die Leviten lesen wird und waren, Gott verzeih es uns, darüber voller Schadenfreude. Zum Verständnis und vielleicht auch zur Rechtfertigung wegen Vaters Handlungsweise muß ich in meine Erzählung noch eine Klarstellung einfügen: Wie jedermann weiß, begann anfangs der dreißiger Jahre die Weltwirtschaftskrise auch in unserer Heimat ihre scharfen Krallen zu zeigen. Not und Verzweiflung hausten unter manchem Dach. Das hatte zur Folge, daß die Eigentumsdelikte sprungartig anstiegen. Mehrmals war schon in unsere Werkstatt eingebrochen und versucht worden, aus dem Lager die teueren Farben und Pinsel zu entwenden. Da es meinem Vater zwar immer gelungen war, die Männer zu vertreiben, er aber doch einmal dabei in eine gefährliche Lage kam, hatte er sich aus diesem Grunde eine Waffe zugelegt. Sie sollte nun, weil sie ganz neu war, an diesem Sonntag ausprobiert werden. Meine Großmutter hatte nur deshalb nicht mit ihren Vorwürfen gespart, weil das Ausprobieren vor den Augen der Familie geschehen war.
Vaters gute Laune war gänzlich entschwunden. Gleich nach dem Mittagessen, so meinte er, müßten wir zum Zug nach Töppeles. Großmutter protestierte nicht viel, weil sie wußte, daß bei diesem frostigen Tiefpunkt keine vernünftige Unterhaltung mehr aufkommen würde, aber sie begleitete uns.
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