Die verhinderte Schießübung
„Alles aufstehen, anziehen, wir fahren nach Gfell!", so donnerte Vaters Stimme ins Zimmer. Es war früher Sonntagmorgen im September. Die Sonne schlummerte noch hinter den Bergen, Dämmerung lag über dem stillen Land.
„Gfell", das Zauberwort für uns Kinder! So schnell wie der Blitz sprangen wir aus den Federn und sofort hinein in die Kleider. Augenblicklich herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander im gesamten Haushalt. Unsere Mama hatte alle Hände voll zu tun, um das Chaos einigermaßen in geordnete Bahnen lenken zu können. Am schlimmsten hatte sie es mit Vater. Da war ihm der Hemdkragen zu steif gestärkt, dann fehlte ihm der Knopf dazu, dann brauchte er ein Taschentuch, dann waren die Socken zu kurz, die Schuhe drückten auf die Hühneraugen, dann wollte er seinen Kaffee, aber mit Milchhaut selbstverständlich, und wo waren, zum Kuckuck nocheinmal, die „Ägyptischen". Dabei raste er durch die Wohnung, meistens Mama in die Quere. Nebenher hatte die Arme auch darauf zu achten, daß sich ihre Kinder den Schlaf aus den Augen waschen und die Zähne putzen würden. Ganz abgesehen davon konnte sie selber ebenfalls nicht nur mit dem Nachthemd bekleidet nach Gfell fahren. Also huschte sie schnell in einen Rock und streifte die Bluse über. Als sie dann die Seidenstrümpfe glättend langzog, blieb sie mit dem Daumennagel daran hängen. Sofort kletterte voller Teufelei ein Streifen von Laufmaschen an der Wade hoch. Ächzend suchte Mama nach Ersatz. Dann schürte sie das Feuer im Herd an, kochte Kaffee und Kakao, schmierte die Brote, gab Heini einen Klaps, weil er an den Fingernägeln kaute und wischte die Milch auf, die ich vergossen hatte. An allen Ecken und Enden fing Mama allein das Chaos auf. Endlich konnten wir losmarschieren.
Aber leider hatte Vater den Fahrplan nicht im Kopf, und das Kursbuch lag ganz gewiß irgendwo bei seinen Angelhaken und künstlichen Fliegen, was er allerdings mit großer Zähigkeit bestritt. Andererseits durfte es niemand wagen, dorthin einen Blick zu werfen, denn die Fischerecke war ihm heilig und für die Familie eine verbotene Stätte. Ich beobachtete aber doch, wie Vater oberflächlich nachschaute und dann zwar nicht das Kursbuch, aber dafür etwas Dunkles, Metallisches in seine Rocktasche gleiten ließ. Ich wollte ihn deshalb fragen, aber dann wagte ich es doch nicht, denn er konnte es verflixt nicht leiden, wenn wir neugierig waren. Auf der Landstraße nach Aich wurde es dann wieder ein richtiges Gehetze. Vater schritt leichtfüßig und stöckchenschwingend immer etliche Meter vor uns, drehte sich von Zeit zu Zeit kurz um und schrie in den Sonntagmorgen: „Tummeln! Tummeln!" Aber der Abstand zwischen ihm und uns wurde dennoch stetig größer. Heini und ich hatten abwechselnd Seitenstechen. Mama ging ganz langsam voraus, aber bis wir sie wieder eingeholt hatten, japsten wir erneut und krümmten uns vor Schmerzen. So etappenweise erreichten wir endlich den Bahnhof in Aich. Mamas Gesicht war glutrot und ihre Frisur aufgelöst. Vater kam uns frischvergnügt entgegen und kreiste sein Stöckchen. „Vawa rennt'sn ihr a sua," rief er „da Zuch kinnt ja erscht in 'ra hålm Stund?!" Mama antwortete nicht, aber ich sah an ihren zuckenden Lippen, daß sie Unausgesprochenes runterschluckte. Wir Kinder ließen uns erschöpft auf die nächste Bank fallen, bliesen unseren Ärger durch die Nasenlöcher und ließen uns schließlich von der aufgegangenen Sonne trösten. Ringsum blühten noch immer die blauen, weißen und roten Betunien in weißgestrichenen Kästen, die der tschechische Bahnhofsvorsteher aufgestellt hatte. Über den gelben Kies knirschten die Schritte der wartenden Fahrgäste. Es waren meistens Wochenendwanderer mit dicken Rucksäcken. Endlich hörte man über den Teischl hinauf unseren Zug ächzen und stampfen. Mit Getöse, Gezische und Gequietsche fuhr er schließlich ein und blieb ächzend stehen. Da zwängte ich mich durch das Getümmel und hatte wieselflink einen Fensterplatz samt Abteil ergattert. Vater rollte zwar drohend seine Augen, und Mama war ebenfalls nicht zufrieden mit mir, aber dann setzten sie sich doch aufatmend auf die dargebotenen Plätze. Heini drängte sich zu mir, denn er wollte auch rausschen. Wir quetschten die Nase an die verschmierte Scheibe und warteten. Plötzlich zischte die Lokomotive ohrenbetäubend, dem Waggon gab es einen Ruck, Heini und ich purzelten in die auffangenden Arme der Eltern, und die Fahrt begann. Wir sahen hinüber zum Hornerberg, dann hinunter vom hohen Viadukt auf das schöne Aich, und dann suchten wir im stockfinsteren Tunnel die Nähe unserer Eltern. Es war nachher wundervoll, durch unser romantisches Tepltal zu fahren. Die Sonne leuchtete voll auf die Bergkuppen und zeigte die ersten Goldfarben des Herbstes. Da rief ich plötzlich: „Mama schau, döi schöin Blåuma!" Es waren aber keine Blumen. Auf einem Hau bei Ziegelhütten leuchteten die frischen Baumstümpfe so purpurrot im feurigen Morgenlicht. Wir stiegen erst in Töppeles aus, Gfell hatte damals noch keine Haltestelle. Im Bahnwärterhäuserl, das
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