Geängstigte beruhigen konnte, schwoll im Treppenhaus ein Summen von vielen Stimmen an. Ich rannte vor die Korridortüre. Da standen dichtgedrängt im Aufgang Männer, Frauen und Kinder. Als sie mich sahen, verstummten sie und starrten mich an. Meine Großmutter war bereits hinter mich getreten und fragte, was geschehen wäre. Da schwirrten die Antworten so wirr durcheinander, daß wir nur verstehen konnten, daß mein Bruder verletzt sei. Inzwischen war aber auch Mama aufgestanden und ebenfalls an die Türe gekommen. Mit einem Blick hatte sie natürlich erfaßt, daß die Menschen vor ihr eine schlimme Nachricht für sie hatten, daß ihrem Sohn ein Unglück zugestoßen sein mußte.
Ein Nachbar bahnte sich den Weg in unsere Wohnung. Er wollte Mama stützen, sie aber ließ es nicht zu. Wie versteinert stand sie da und wollte die Wahrheit wissen. Der Nachbar erzählte sie in kurzen Worten: Heini und Fritz wären den gesamten Felsen hochgeklettert. Sie wären bereits auf der Hochfläche gewesen, als Heini auf dem Sand ausrutschte und abstürzte. Zum großen Glück sei er aber in einen Hagebuttenstrauch gefallen, wodurch der Aufprall stark abgemildert worden sei. Wenn nicht zufällig ein Streckenwächter vorbei gekommen wäre, dann wäre vielleicht jede Hilfe zu spät gewesen. Nun sei das Kind auf dem Weg ins Krankenhaus, wohin es das Sanitätsauto brächte. Fritz hätte von dem Unglück nichts bemerkt, er hätte geglaubt, daß sein Freund einen anderen Weg gegangen sei.
Plötzlich erwachte meine Mama aus ihrer Starre und begann wie eine Löwin zu kämpfen. Trotz aller Proteste um sie herum kleidete sie sich an und ließ sich mit einem Taxi ins Krankenhaus nach Karlsbad fahren. Dort traf sie mit meinem Vater vor dem Operationssaal zusammen. Er hatte von dem Unglück erfahren, als er auf dem Heimweg war. Das nächste Auto, das angefahren kam, hatte er angehalten und sich von dem Fahrer zum Spital bringen lassen. Nun standen meine Eltern stundenlang und betend vor dem OP und warteten auf meinen Bruder. Nach mehreren schweren Krisen ist Heini doch noch gesund geworden. Er war viele Wochen im Krankenhaus gewesen, als er wieder das Gehen lernen mußte. Dabei wurde erst richtig erkennbar, daß das verletzte Bein für immer wesentlich kürzer sein würde. Nach dem ersten Schreck sah Vater aber darin eine gute Fügung des Schicksals, denn er meinte, nun brauche sein Sohn nie zu den Soldaten. Aber da irrte mein Vater sich sehr. Mein Bruder ist bereits 1940 zu den Waffen geholt worden, war auf vielen Kriegsschauplätzen an vorderster Front. Mehrere Auszeichnungen hatte man ihm an die Brust geheftet, ihm, der stets den Ausgleich gesucht hatte und jedem Konflikt aus dem Weg gegangen war. Aber eines Tages mußte dieser friedliebende Hinkende eben doch das Schießeisen in die Hand nehmen. Und nun liegt er bereits seit vierzig Jahren mit vielen anderen deutschen Soldaten zusammen auf dem Futapaß begraben. Ich habe sein Grab an einem Herbsttag besucht. Kalter Wind fegte Nebelfetzen über die Steinplatte, auf der sein Name steht. Die Blumen, als letzter Gruß hingelegt, waren sofort verweht worden ...
Hermine Walter, geb. Palm
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Sommerliches Gebaren
Der Sommer, er zeigt sich mit starker Kraft,
er läßt wachsen, gedeihen und steigen den Saft.
Ob im Wald und Flur und auf der Heide
stellt er sich ein mit buntem Kleide.
Er läßt reifen die Früchte und alles Getreide,
die Rinder sie grasen auf saftiger Weide.
Geschnitten wird das Gras mit dem feinherben Duft
zum Heu bereitet an der heißen Sonne und Luft.
Der Windschatten zieht noch über die blühenden Felder geschwind,
das ist ein Spiel zwischen den Wolken, der Sonne und dem Wind.
Anni Zimowski
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