Der Schutzengel im Hagebuttenstrauch
Der Herbst stimmt mich immer traurig. Wochenlang kämpfe ich gegen die Unruhe in mir, kein Sonnengold und keine Oktoberpracht kann sie mir nehmen. Wenn hinter leuchtenden Farben die Natur müde wird, wenn Vogelscharen hoch über Stoppelfeldern südwärts ziehen und wenn die Schatten täglich länger werden, dann zittert meine Seele. Leidvolle Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend werden wach. Meistens im Herbst erschütterten schwere Schicksalsschläge unser Familienleben. Außerdem war ich in dieser Zeit sehr oft krank. So sehe ich noch heute, wie durch den Fieberschleier von damals, das liebe Gesicht meiner Mama, sie wacht an meinem Krankenlager und hält meine Hand. Sie war eine fromme Frau, die alle Prüfungen ihres Lebens tapfer bestand. Wir Kinder sollten fröhlich und unbeschwert aufwachsen. Dennoch, sie konnten uns nicht alles ersparen, so sind mir noch genug wehmutsvolle Erinnerungen geblieben. Von einer aus melancholischen Tagen will ich heute erzählen.
Es war anfangs Oktober 1931. Mein Bruder Heinrich war damals elf und ich neun Jahre alt. Unsere gute Mama war ernstlich krank. Sie lag blaß und matt in ihrem Bett und konnte den Haushalt nicht versorgen. Dr. Siegler, der die Kranke betreute, verließ uns jedes Mal mit ernster und nachdenklicher Miene. Auf meine bohrenden Fragen bekam ich von den Erwachsenen tröstliche Antworten. Ich fühlte aber die Gefahr, wurde mißtrauisch und wich kaum von Mamas Seite. Unsere Großmutter war aus Gfell gekommen, um das Hauswesen in Ordnung zu halten und die Kranke zu pflegen. Sobald ich aus der Schule heimkam, rückte ich den Tisch an Mamas Bett und malte Bildchen. Ich malte stundenlang bis in den Abend hinein und war glücklich, wenn sich dabei Mamas trübe Augen ein wenig erhellten, oder wenn ein winziges Lächeln um ihre bleichen Lippen huschte. Heini, mein heiterer Bruder, sah die Lage nicht so sorgenvoll. Er war ein argloses Kind und glaubte stets, daß uns nichts Böses widerfahren könnte. So ging er trotz allem mit seinem Freund Fritz zum Spielen. Auch an diesem sonnigen Nachmittag wollte er noch ein wenig „auf die Gasse". Mama sagte aber, daß er um fünf Uhr raufkommen müsse. Heini versprach es ganz fest und war auch schon bei der Türe draußen. Ich dagegen saß weiter am Tisch und malte Bildchen für ein kleines Lächeln meiner Mama. Sie lag fast aufrecht in ihrem Kissen und sah zum Fenster hinaus. Nicht weit entfernt war der Damm, auf dem auch noch heute die Bahnlinie Karlsbad-Eger führt. Es kamen viele Züge, angefangen beim wunderschönen „Orient-Express" bis zu den polternden Güterzügen. Mama verfolgte sie mit ihren müden Blicken, und dann schaute sie wieder ins Leere. Meine Großmutter hatte sich eine Näharbeit gesucht und zu mir an den Tisch gesetzt. Plötzlich, es mag um vier Uhr gewesen sein, setzte sich Mama mit einem Ruck auf und rief: „Schaut nur, da hat sich bestimmt wieder jemand beim „Felsen" vor den Zug geworfen, auf dem Bahndamm laufen so viele Leute!" Tatsächlich hasteten und stolperten in großer Eile vielleicht an die hundert Menschen in Richtung „Felsen". Für die Meierhöfener war die zerklüftete Steinwand ein Begriff, ein Wahrzeichen, leider aber auch ein Mahnmal. Als vor der Jahrhundertwende die Bahnstrecke gebaut wurde, war ihr bei Meierhöfen eine karstige Bergnase hinderlich gewesen. Man konnte sie nur durch Sprengungen beseitigen. Dadurch entstand eine Bresche von ungefähr sechzig Meter Breite und an der Bergseite ein Felsen von 16 Meter Höhe. Zur Talseite hin blieben nur einige wenige kleine Klippen stehen. Um sie herum hatte man Steinblöcke und Geröll liegen gelassen. Mit der Zeit hatten sich dazwischen Hagebuttesträucher, Brombeerbüsche und Schleenhecken angesiedelt. Rote Studentennelken, Ginster, „Katzapfötschla" und harte Gräser wucherten in dem Geröll. Es war dort wirklich der schönste Ort zum Versteckspielen. Natürlich wurde es uns immer wieder verboten, aber es zog uns magisch hin. Durch die Bresche führte die Bahnlinie in eine leichte Kurve. Aus diesem Grunde wurde sie an dieser Stelle allerdings etwas unübersichtlich, zumal Buschwerk zusätzlich den freien Blick nahm. Diese Gegebenheiten waren der Grund, weshalb der „Felsen" zu trauriger Berühmtheit gelangte und ein Mahnmal wurde. Menschen, die in ihrer seelischen Not keinen anderen Ausweg mehr sahen, beendeten dort durch eine Verzweiflungstat ihr Leben. Leider war ich selbst einmal Zeugin einer derartigen Tragödie geworden. Ein Soldat, der eben noch an mir vorbei gegangen war — ich hatte mich beim Versteckspiel unter eine Hecke gelegt gehabt und sehe noch heute aus meiner damaligen Froschperspektive seine Schnürstiefel und seine Wickelgamaschen — sprang im nächsten Augenblick vor den heranbrausenden Zug. Von dem Schock, den ich angesichts des Unglücks erlitt, konnte ich mich lange nicht erholen.
Als nun meine Mama eine Weile die rennenden Menschen beobachtet hatte, schrie sie ganz plötzlich auf: „Wo ist Heini? Wo ist der Bub?" Doch bevor meine Großmutter die
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