Liebe Leßnitzer, liebe Leser!
Weil mir von Lesern unseres Heimatbriefes ab und zu einige Zeilen übermittelt werden, mit der Bitte, ich solle wieder einmal etwas für den Heimatbrief schreiben, habe ich mich mit meinen 80 Jahren aufgerafft, diesem Wunsche nachzukommen, obwohl mir das Schreiben schon schwer fällt. Ich will Euch darüber berichten, wie es war, als ich den ersten Heimatbrief vor vielen Jahren zu lesen bekam.
Ich muß dabei etwas weiter zurückdenken an das Kriegsende und die Aussiedlung mit all den vielen Aufregungen. Als die Absicht der Tschechen bekannt wurde, alle Deutschen auszusiedeln, wollte es anfangs niemand glauben, daß man die Menschen, einfach von Hab und Gut beraubt, mit fast „nichts" besitzend, aus der angestammten Heimat vertreiben kann. In meiner Verzweiflung dachte ich an meine Vorfahren, die den väterlichen Hof seit Jahrhunderten zu Eigentum hatten. Vater und Großvater hießen beide Johann Breitfelder, der Urgroßvater war Franz Breitfelder, schließlich folgten noch weiter zurückliegend die Urahnen Wenzl und Josef Breitfelder. Eine lange Reihe von Ahnen, die den Boden mit Schweiß und Blut gedüngt haben und sich plagten, um den Hof für die Enkel und Urenkel zu erhalten und zu erweitern.
Ich konnte mich lange nicht mit dem Gedanken abfinden, die Heimat verlassen zu müssen. Aber eines Tages wurde es doch Wirklichkeit. Wir wurden am 28. September 1946 auf einen Pferdewagen verladen, und mit tränenerfüllten Augen ging es zum Dorf hinaus. Unser Hofhund begleitete uns bis zum Dorfende und nahm Abschied von uns mit seinen treuen, braunen Augen. Die Fahrt endete in Neusattl im Lager. Nach einigen Tagen wurde der Transport zusammengestellt. Es kamen noch viele Aussiedler dazu. Dann ging die Fahrt mit dem Zug über Eger bis an die Grenze. Dort sagten wir unter vielen Tränen ein Lebewohl der vielgeliebten Heimat, dem Land der Väter, dem schönen Egerland. Alle dachten, wir würden doch bald wieder zurückkommen und dich, oh Heimat, wiedersehen; das machte uns den Abschied leichter.
Die Heimat lag hinter uns und eine ungewisse Zukunft vor uns. Der beklemmende Gedanke, wo werden wir hinkommen, was wird uns das Schicksal bescheren, begleitete unsere weitere Fahrt. Aber wir waren doch froh, deutsches Land unter den Füßen zu haben und deutsche Menschen sprechen zu hören. Als wir aus dem Zug stiegen, waren wir in Bad Orb im Spessart. Wir hatten Glück und wurden schon nach zwei Wochen aus dem Lager nach Pfaffenhausen geholt und bei einem Bauern einquartiert. Der Großvater war nebenbei Stellmacher von Beruf. Bei uns sagte man Wagner. Es ging uns dort gut. Wir mußten weder hungern noch frieren und haben uns gut mit den Herbergsleuten verstanden. Das Zimmer unter dem Dach war zwar klein, aber mit Hilfe von Stockwerksbetten kamen wir notdürftig zurecht. Wir durften bei den Arbeiten in Haus und Hof mithelfen und wurden so von den schmerzlichen Gedanken an die Vergangenheit abgelenkt. So legten wir ganz einfach unser Leben in Gottes Hand.
Eines Tages kam der Großvater heim und berichtete, er hätte von Skatfreunden gehört, daß im Dort Lettgenbrunn wieder Menschen angesiedelt werden sollen. Zweimal schon mußten die früheren Bewohner dieses völlig zerstörten Dorfes ihre Häuser verlassen. Im Ersten Weltkrieg diente das Dort als Artillerieübungsplatz und im Zweiten Weltkrieg als Bombenabwurfplatz. Zwischen den Kriegen wurde es schon einmal weiterbesiedelt, zum Teil mit elsässischen Umsiedlern.
Der Großvater sagte: „Ihr müßt Euch dranhalten, wenn ihr als Bauern wieder anfangen wollt." Auf unser sofortiges Schreiben an das Landratsamt bekamen wir die Antwort, daß wir vorgemerkt wurden aber noch warten müßten. Nach einiger Zeit des ungeduldigen Wartens kam eine Vorladung von diesem Amt. Von 30 Bauern wurden nur 10 ausgewählt und wir hatten das große Glück, dabei zu sein.
Zuerst begannen die Männer die Gemarkung zu umzäunen, weil sehr viele Wildschweine ihr Unwesen trieben. Wie schon erwähnt, war das Dorf vollständig zerstört; wir fanden nur Schutt und Asche. Aber dafür hatten wir einen guten Landrat, der sich sehr um die Vertriebenen kümmerte. Er ließ sogenannte Nissenhütten herbeischaffen, die unsere Männer selbst aufstellen mußten. Am 19. März 1948 konnten wir dann endlich einziehen. In einer Nissenhütte waren immer drei Familien untergebracht. Mit uns zusammen wohnten die Familie Josef Heß und die Familie Erler (Erlerschmied von Schlaggenwald).
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