Ein weißes Engelchen
Die Geschichte, von der ich heute berichte, hat einen traurigen Hintergrund, und sie gehört zu meinen frühesten Erinnerungen.
Meine Großmutter, die bei uns in Meierhöfen zu Besuch weilte, berichtete meiner Mama von einem Unglück, das die Familie vom Sandwirtshaus in Poschitzau heimgesucht hatte. Ich hatte vernommen, daß dort das kleine Töchterchen von dem kochendheißen Kaffee, den die Magd versehentlich umgestoßen hatte, verbrüht worden war. Kein Mensch konnte dem armen Kinde mehr helfen.
Meine Mama, die ein sehr mitfühlendes Herz hatte, weinte lange und schluchzend in ihr Taschentuch. Sie kannte die schwer heimgesuchte Familie gut und entsetzte sich über den Schmerz, der diese getroffen hatte. Gleich versprach sie meiner Großmutter, daß sie baldmöglichst nach Gfell kommen wolle, um von hier aus einen Besuch im Sandwirtshaus zu machen.
Es war der Herbst gekommen, als unsere gute Mama endlich die geplante Fahrt verwirklichen konnte. Schon zeitig in der Frühe mußten wir zur Bahnstation nach Aich wandern. Damals zuckelte der Zug über die spätere Bahnstation Gfell hinaus bis nach Töppeles, von wo wir den steinigen „Ochsengrom" zur Gfeller Höhe hochkletterten.
Meine Mama mußte uns immer wieder gut zureden, wenn wir ächzend und stöhnend nicht mehr laufen wollten. Unsere besorgte Großmutter hatte uns bereits erwartet gehabt, denn der Tisch war mit allerlei Schmankerln gedeckt. Darum erwachten auch schnell wieder unsere Lebensgeister, so konnte sich unsere Mama entschließen, gleich nach dem Essen mit uns zum „Sandwirtshaus" zu gehen. Meine Mama war nach jenem Unglück mit dem kleinen Mädchen noch ängstlicher geworden und wollte uns Kinder niemandem anvertrauen, selbst unserer Großmutter nicht.
Als wir oberhalb des Dorfes die Hochfläche erreicht hatten, verließen wir die Landstraße und wanderten durch die kleine Senke, und an seinem klaren Bächlein entlang. Bei der Weggabel, wo der Weg weiter nach Poschitzau führte, schlugen wir die Abzweigung zum „Sand" ein. Ein Kreuz mahnte den Wanderer zum Gebet. Am Wegrand waren im Laufe vieler Jahre Feldsteine aufgeschichtet worden. Zwischen ihnen hatten sich Hagebuttensträucher und Brombeergestrüpp angesiedelt, selbst Preißelbeeren wuchsen dort.
Es war ein milder und heller Herbstnachmittag geworden. Vom nahen Waldrand her roch es kräftig nach Schwammerln. Das Sandwirtshaus stand ganz im Sonnenlicht, und das gelbe Laub der Birken ringsherum raschelte leise im sanften Wind. Als wir näher an das Anwesen kamen, überraschte uns die Stille, die es umgab. Kein Hund bellte, keine Hühner gackerten, keine Gänse schnatterten, kein Kettenrasseln aus dem Stall. Ich begann mich zu fürchten. Unsere Mama nahm uns an den Händen und führte uns auf leisen Sohlen in das Haus. Dann klopfte sie vorsichtig an die Stubentüre. Plötzlich wurde von innen geöffnet. Eine junge Frau, ganz in Schwarz gekleidet, stand vor uns. Ich hatte noch niemals ein solch verzweifeltes Gesicht gesehen. Es war wie von Messern zerschnitten und von vielen Tränen zerfurcht. Die Augen waren ausgebrannte Höhlen.
Als ob die Frau von weither kommen würde, erkannte sie erst nach einer Weile meine Mama. Da stürzte sie sich aufschluchzend in deren Arme, während Mama sehr leise tröstende Worte sprach. Ganz allmählich wurde die Frau immer stiller, und schließlich führte sie uns alle zu dem großen Tisch mit seiner Eckbank. Immer wieder erzählte sie von dem furchtbaren Unglück, während meine Mama zuhörte, und wir Kinder erschüttert daneben standen. Wir wünschten so sehr, daß die arme Frau zu weinen aufhören sollte. Während meine Mama ihr bald über das Haar und bald über die Hände streichelte, wurde die Unglückliche plötzlich so ruhig, daß man das Ticken der Uhr ganz laut vernahm, und schließlich stand sie auf, trat an den Herd und stellte die blaue Kaffeekanne auf die Platte. Dann holte sie aus der Kammer eine Schüssel voll „Germkniadla" und richtete das Geschirr auf dem Tisch. Sie machte alles noch mechanisch, schien sich aber nun so gefaßt zu haben, daß sie selbst uns Kindern einige Fragen stellte und uns immer wieder ermunterte, doch tüchtig zu essen. Die Sonne stand bereits ziemlich tief, als sich unsere Mama zum Abschied rüstete. Die beiden Frauen umarmten sich herzlich, und Heini und ich winkten noch lange zurück. Aber dann sprangen wir bald den Hang hinunter, bis wir erneut zum Poschitzauer Wegkreuz kamen, wo die roten Hagebutten leuchteten. Die Sonne ging
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