Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 170
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První válečné Vánoce

Patentstrümpfe

waren mir zu einem Greuel geworden, ebenso die derben Sportschuhe. Lieber litt ich an Kälte, als daß ich noch einmal dicke Strümpfe und klobiges Schuhwerk anzog. So runzelte meine Tante Marie kritisch ihre Stirn, als sie mich am Morgen unseres Reisetages leicht bestrumpft und beschuht sah, denn draußen war es bitterkalt, und es hatte in der Nacht ein wenig geschneit. Leider waren zu dieser Zeit Stiefel halt nicht in Mode und Strumpfhosen galt es erst zu erfinden. Tante ermahnte mich mehrere Male, daß ich mich wärmer anziehen solle, und in dreißig Jahren spätestens prophezeite sie mir, würde ich die Quittung für meinen Leichtsinn schon bekommen. Da versicherte ich ihr mit viel Überzeugungskraft, daß ich überhaupt nie frieren würde, mir sei immer so warm, als wäre ich in einen Backofen gehüllt. Tante gelang es nicht, mich umzustimmen. So trippelte ich nachher in meinen Pumps, Seidenstrümpfen, elegantem Mantel und Hut neben Onkel und Tante zum Bahnhof, und ich spürte sehr bald die eisige Kälte durch die dünnen Sohlen kriechen. Doch ließ ich mir nichts anmerken und hoffte inniglich auf das warme Zugabteil. Zu meiner größten Freude war es darin auch wirklich geheizt. Daß dicker Zigarettenqualm bis in die fernsten Ecken kroch, störte mich wenig, wenn ich nur nicht mehr fror. Unser Zug zuckelte bald die sachte Steigung ins Erzgebirge hinauf. Es war um die Mittagsstunde, als es plötzlich so heftig zu schneien begann, daß man keine drei Meter, und daher von der Landschaft nichts, sehen konnte. Dazu ächzte und stöhnte unsere Lokomotive asthmatisch, und man mußte befürchten, daß sie jeden Augenblick ihr letztes Schnauferchen machen würde. Aber dann erreichten wir doch allmählich Johanngeorgenstadt, wo wir umsteigen mußten. Inzwischen lag aber der Schnee so hoch, daß Kolonnen eiligst zusammengeholter Männer und Arbeitsdienstler das Bahnhofsgelände von den Schneemassen freischaufeln mußten.

Als wir endlich unser Gepäck auf dem Bahnsteig abgestellt hatten und nach dem Anschlußzug Ausschau hielten, überraschte uns Onkel Ewald mit der Hiobsbotschaft, daß wir warten müßten, denn die Hauptstrecke sei derart eingeschneit, daß kein Bähnchen, nicht mal das kleinste, mehr fahren könne. Da stand ich nun da in meinen Pumps und wagte keinen Schritt zu tun, denn mit jedem versank ich knöcheltief in den Schnee. Wir wußten nicht, sollten wir den Wartesaal aufsuchen, oder sollten wir auf dem Bahnsteig warten, weil es vielleicht doch nur wenige Minuten dauern würde, bis wir einsteigen könnten. Onkel Ewald ging wieder auf Erkundung aus, und Tante Marie schaute wohl auf meine Beine, die blau durch die dünne Strumpfseide schimmerten. Endlich kam Onkel zurück, meinte aber wenig tröstlich, daß „sie" zwar unseren Zug frei bekämen, aber eine Stunde würde das ganz gewiß noch dauern. Da entschlossen wir uns schließlich, auch in den überfüllten Wartesaal zu gehen. Aber leider war dieser nicht geheizt. Jedoch die animalische Wärme der dichtgedrängten Menschen hatte eine erträgliche Temperatur geschaffen, wenn auch sonst die Luft sehr mulmig war. Nach der angekündigten Stunde öffnete tatsächlich jemand die Türe und rief zu uns herein: „Jetzt kommt der Zug!" Da entstand ein solches Gedränge und Geschimpfe, bis endlich alle Reisenden durch die enge Türe gekommen waren und auf dem Bahnsteig standen. Weit und breit war aber immer noch kein Zug zu sehen, und alle Leute begannen wieder zu frieren, besonders ich. Alles versuchte ich, um die beißende Kälte abzuschütteln. Ich begann mir einzureden, daß ich nicht frieren würde, und dann habe ich gebetet: „Lieber Gott, laß endlich den Zug kommen!" Aber ich habe still gelitten, denn um nichts auf der Welt wollte ich Onkel und Tante meine Drangsal anmerken lassen. Endlich — nach einer halben Stunde — Gott allein weiß, wie ich sie überstanden habe, kam unser Zug. Alles drängelte wieder, aber Onkel Ewald gelang es doch, noch ein leeres Abteil zu finden. Mit letzter Kraft half ich beim Verstauen des Gepäcks, und erst als ich mich hinsetzte, merkte ich, daß dieser Zug, dieser erwünschte, auch nicht geheizt war.

Am liebsten hätte ich geweint. Dabei schaute ich mit vollem Neid auf Tantes Wollstrümpfe und die Pelzschuhe. Was hatte ich nun vor meiner Eleganz, kein Mensch hatte Lust und Laune, sie zu beachten?! Jeder wollte nur rechtzeitig an sein Ziel kommen. Da schlüpfte ich aus meinen Schuhen, nahm die Füße auf die Bank und setzte mich auf sie. Dann schloß ich die Augen und wartete, ob ich nicht bald ohnmächtig umfallen würde. Doch plötzlich wurden die Türen zugeschlagen, der Zugführer gab das Signal und langsam setzte sich unser Zug in Bewegung. Kurz hinterher begann ein Knistern und Knacken in unserem Waggon, und ich wußte, was das bedeuten sollte. Jetzt ging es vom Gebirge runter ins Tal, da blieb genug Dampf für die Heizungsrohre. Oh, wie hat mir das wohlgetan, als ich langsam wieder Leben in den Adern fühlte! Als wir gegen Neudek fuhren, dämmerte es bereits. Aus manchen Stubenfenstern leuchteten uns schon strahlende Christbäume entgegen. Da spürte ich, wie sich der Zauber des Heiligen Abends in mir zu regen begann.

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