Ein unvergeßlicher Nikolausabend
Hermine Walter, geb. Palm
Ein unvergeßlicher Nikolausabend
Seltsamerweise kann ich mich bis weit in die Kinderzeit zurück, besonders gut an den Nikolausabend, erinnern, an dem ich eigentlich nur die rechte behandschuhte Hand des zwar geliebten, aber auch gefürchteten alten Mannes sah.
Schon mehrere Tage vorher hatte mich eine quälende Unruhe beschlichen, denn mein Gewissen war nicht rein, und ich wußte, daß ich dem Nikolaus Rede und Antwort zu stehen haben würde. Da hatte ich oftmals geschwindelt, Zuckerwürferl genascht, meinen Bruder Heinrich gezwickt und gekratzt, den schielenden Emil verspottet, hinter dem Ortspolizisten freche Spottverschen („Polizist, machst in d' Kist!") nachgerufen, dem Schornsteinfeger zum Dach hinaufgeplärrt, daß er mit mir „zur Musik" gehen dürfe, und dann hatte ich vor mit anderen Kindern zusammen den armen Herrn Stier geärgert. Herr Stier war Trafikant und hatte als Kriegsinvalide unweit meines Elternhauses eine Tabaktrafik bekommen. Die Bude oder der „Kiosk", wie man heute sagen würde, stand allein auf einem größeren unbebauten Grundstück. Dieses Objekt nun war der Anziehungspunkt aller Kinder aus der Nachbarschaft. Wir spielten „Feierlei" und „Versteckelas" um das Häuschen, und wir hatten das wildwachsende Gras ringsherum schon längst zertrampelt. Auf diesem hartgetretenen Boden „tschekerten" wir, und wir warfen darauf die Messerchen zum „Landstechen", durchwegs die schönsten Spiele unserer Zeit. Natürlich ging es dabei nicht geräuschlos zu. Wir lärmten und tobten manchmal in solch unerträglichem Maße, daß Herr Stier — ein zwar finsterer und wortkarger, aber guter Mann — unter die Ladentüre trat und uns mit lautstarken Drohungen verjagte, denn er hatte sich mit seinen Kunden schon nicht mehr verständigen können. Da trotteten wir mißgestimmt für eine Weile in unseren Spielhof, der zu unserem Hause gehörte, aber wir blieben nie lange dort. Magisch zog uns die Trafik an. So kam es vor, daß wir an einem Nachmittag mehrere Male von dort vertrieben wurden. Mitunter, wenn Herr Stier nicht mehr weiter wußte, sprach er unsere Eltern um ihre Hilfe und ihr Verständnis an. Aber wir konnten dennoch unseren liebsten Spielplatz nicht lassen, und so quälten wir den leidgeprüften Herrn Stier fernerhin.
Jetzt aber, da der Nikolaus kommen sollte, pochte das schlechte Gewissen in meiner Brust. Bereits am Nachmittag, als es zu dämmern begann, sagte ich gedanklich immer wieder das Verschen auf, das mich meine gute Mutter gelehrt hatte und hoffte innigst, daß ich damit den Nikolaus friedvoll und verzeihend stimmen könnte. Auch mein Bruder wurde allmählich stiller, obzwar er weit weniger auf seinem Schuldkonto hatte als ich. Probenweise knieten wir uns auf die harten Holzdielen und beteten das „Vaterunser". Die Stunden zogen sich endlos hin, während unsere Angst unerträglich wuchs. Jedes Geräusch im Treppenhaus alarmierte uns derart, daß wir jedes Mal ganz schnell auf die Knie sanken. Endlich, es war schon bald die siebte Abendstunde und draußen stockdunkel, da erhob sich im Stiegenaufgang ein Gepolter, das von einer tiefen Stimme begleitet war. Ich schlotterte so vor Angst, daß ich mit klapperndem Unterkiefer zu beten begann. Da wurde die Korridortüre geöffnet und gleich darauf die Stubentüre, aber nur so einen Spalt breit, daß eine Männerhand bequem durchreichen konnte. Da kam sie auch schon, diese Hand, und über sie war ein neuer brauner, gesteppter Lederhandschuh gezogen. Und während es mir blitzartig durch den Kopf ging, wie wunderlich es doch ist, daß der Hl. Nikolaus braune Lederhandschuhe trägt, wurden von ihm zwei mächtige Tüten ins Zimmer gestellt. Bei der einen schaute oben ein Pfefferreiter und bei der anderen eine Pfefferdocken heraus. Als ich schon erleichtert darauf blickte und auf das Schlottern zu vergessen begann, wurden wir plötzlich beim Namen gerufen und die tiefe Stimme sagte, daß wir ja immer brav sein sollten, denn sonst käme der Krampus und stecke uns in seinen großen Sack. Damit ging dieser Nikolaus wieder rumpelnd die Treppe hinunter. Wir
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