Unser Heiliger Abend zu Hause
Unser Heiliger Abend zu Hause
Wenn ich zu Hause sage, dann kann es nur dort sein, wo mein Vaterhaus stand, in einem kleinen versteckten Dorf namens Gfell, im Egerland. Wie weit bin ich von dort entfernt. Doch gerne denke ich zurück, besonders an die schönen Kindheitserinnerungen am Heiligen Abend.
Ich war noch zu jung, um die weihnachtlichen Vorbereitungen so richtig mitzuerleben. Das Haus mußte doch von oben bis unten geputzt werden. Die Wäsche schon lange vorher gewaschen, damit sie nicht steif am Heiligen Abend auf der Leine hing, denn das sollte kein gutes Ohmen sein. Die Christstollen mußten im großen steinernen Backofen gebacken werden — und keiner durfte verbrannt sein — denn auch das würde nichts Gutes bringen. Moos mußte oft noch unter dem Schnee gesammelt werden, um die Krippe in der Ecke zu schmücken.
Zu etwas war ich als die älteste von uns Kindern nicht zu jung. Mutter brachte Schachteln voll mit gefüllten Schokoladenstückchen aus Schlaggenwald. Diese durfte ich in buntes Stanidpapier wickeln. Wie sie allerdings später an den Baum kamen, erfuhr ich nie.
Wenn es anfing am Heiligen Abend dunkel zu werden, sagte Mutter, ich sollte das Bergl runterschauen und sehen, ob schon drei Lichter im Dorf brennen. Nachdem ich drei Lichter sah, konnten auch wir unseres andrehen. Warum das so sein mußte, weiß ich heute noch nicht.
Vater ging dann in die Futterkammer, füllte zwei große Schüsseln mit Körnern und Schrot und stellte sie in der Stube unter den großen Tisch, den die Magd gerade mit weißem Leinen und dem guten Geschirr deckte.
Mutter stand schon seit langer Zeit am Ofen und bereitete das Christessen. Nichts durfte fehlen. Die Erbsensuppe mit den Semmelwürfeln, die Siruppiazala, der Kartoffelsalat und der panierte Karpfen, zum Schluß der Tee und die Christstollen.
Ganz feierlich setzten wir uns alle um den Tisch: Vater, Mutter, Kinder, Mägde und Knechte. Das Vaterunser wurde gemeinsam gesprochen — andächtiger als je zuvor. Keiner sprach ein Wort beim Essen zur Erinnerung an die Geburt des Christkinds. Alle am Tisch mußten etwas von jeder Speise essen um gesund zu bleiben, was für meinen kleinen Magen nicht immer leicht war.
Zum Schluß wurde eine Schüssel mit Äpfeln, Pomeranzen, Nüssen und Mandeln auf den Tisch gestellt. Doch bevor jemand die erste Frucht anlangte, nahm Vater den größten roten Apfel aus der Schüssel und schnitt ihn in kleine Scheiben. Alle Augen sahen ihn. Kein Kernchen durfte zerschnitten werden. Er gab jedem sein Stückchen und sagte, daß wir immer daran denken müßten, sollten wir uns einmal verlaufen, dieses Stückchen würde uns wieder nach Hause führen.
Jeder von uns versuchte dann, so viele Apfel- und Pomeranzenschalen, Nuß- und Mandelgehäuse auf die Tischdecke zu bringen, denn auch das hatte seinen Brauch.
Nachdem die Magd das Geschirr abräumte, nahm der Knecht die vier Zipfel des Tischtuches, band sie zu einem Knoten und nahm den Beutel an den Arm. Ich durfte auf seinen Rücken klettern, und dann stampfte er durch den Schnee in den Obstgarten. Jeder Baum mußte etwas von dem Christessen bekommen, keiner durfte ausgelassen werden. Auch die Bienenstöcke bekamen ein Häufchen davon.
Vater holte inzwischen die zwei Schüsseln unter dem Tisch hervor und trug sie mit Günther in die Ställe. Jeder Ochs, jede Kuh, jedes Pferd, jede Ziege, jedes Schwein und auch die Hühner, Enten und Gänse mußten etwas von dem besonderen Essen bekommen. Kein Lebewesen sollte am Heiligen Abend vergessen sein.
Ja, und dann war das Christkindl schon ganz nahe. Mutter schaute zum Fenster runter und sagte ganz aufgeregt, daß beim Dickl schon der Weihnachtsbaum leuchte. Wir sollten doch mal schnell sehen, was das Christkindl dort brachte. Doch nichts konnte uns zu lange halten, nachdem wir den Christbaum bewunderten, denn wir wollten doch wirklich einmal das Christkindl selbst sehen. Schnell rannten wir das Bergl rauf. Dieses Jahr wollten wir es auf keinen Fall verpassen. Doch wie immer, als wir die Türe zur Stube öffneten, sahen wir das kleine Fensterchen im Doppelfenster offen, und von draußen hörten wir die zarten Töne eines Glöckchens. Mutter sagte uns mit traurigen Augen, daß das Christkindl gerade da war.
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