Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 167
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A přece žijeme déle!

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gebeugten Rücken hatte, weiß ich nicht mehr, aber über neunzig waren es bestimmt. Die schwere Arbeit in seinem Leben hatte ihm die Wirbelsäule so gekrümmt, daß er nur noch den Boden zu seinen Füßen sehen konnte und nimmer den blauen Himmel. Seine Augenlider hingen schwer über den verblaßten Pupillen, die von geplatzten Blutäderchen rot unterlaufen waren. Er konnte auch nur noch leise und langsam sprechen. So verstand ich ihn kaum und ahnte eigentlich mehr durch seine Zeichen, was er ausdrücken wollte. Das Dasein war ihm schon eine Last. Dennoch sammelte er immer wieder seine wenigen Kräfte und schlurfte auf den Stock gestützt das steile Gäßchen bis zu Weinharts Hausbankerl. Unterwegs verschnaufte er beim Kempf oder beim Raab. Heimwärts, wenn es bergauf ging, mußte er natürlich noch öfter rasten, bis er endlich erschöpft zu seinem Hof kam.

Meine Großmutter ermahnte uns ungezählte Male, daß wir den Moda-Vetta ja nicht ärgern oder gar verspotten dürften, denn er hätte ein gesegnetes Alter, und der liebe Gott würde uns hart bestrafen, wenn wir das vergessen sollten. Ich schlich deshalb auf leisen Sohlen und in angemessener Entfernung am Vetta vorbei und grüßte ganz verschüchtert. Er indessen beachtete mich kaum. Seine Kindheit war ihm schon so weit entrückt, daß er sie vielleicht gar vergessen hatte. Ich dagegen war noch weit davon entfernt seine Alterslast zu verstehen. Trotzdem werde ich ihn immer bei Weinhart-Großvater auf der Hausbank sitzen sehen.

Der dritte Mensch im Bunde meiner Erzählung ist eine Frau. Auch sie war schon sehr alt und ich kannte eigentlich nur ihr schmales, hageres Gesicht, welches immer von einem Kopftuch umrahmt war, und ihre rotgefrorenen Hände. Nie habe ich ihre ganze Gestalt gesehen. Sie wohnte in der Dorfschmiede bei der Familie Flach. In welchem familiären Verhältnis sie zueinander standen und wie sie hieß, weiß ich nicht mehr. Neben dem Hauseingang war ein winziges Fenster, und das gehörte der Mouhm, wie wir sie nannten. Sobald meine Großmutter mit mir dort vorbeikam, wurde das Fenster schnell aufgerissen und die Mouhm fragte: „Wos håust dann du dåu fia a Moiderl mit? Wem ghöat dann dös?" Meine Großmutter antwortete immer wieder: „Dös is mein Heinrich sa Kluina. Sie is zan Ferien dåu!"

Da schüttelte die Mouhm jedes Mal ihren Kopf, kroch ins Dunkel zurück, ließ klirrend den Fensterflügel zufallen und hatte mich schon wieder vergessen. Zu Zeiten, wenn wir schreiend um die Schmiede kamen, konnte die Mouhm arg böse werden. Da riß sie ihr Fensterl auf, zwängte den Kopf bis zum Hals und eine Hand durch das enge Guckloch und schimpfte hinter uns her, wobei sie mit dem Zeigefinger heftig drohte. Ich verstand etwas von der Schlechtigkeit der Jugend, die man in die Hölle jagen sollte. Da konnte ich so erschrecken, daß ich für eine Weile um die Dorfschmiede einen Bogen machte.

Vom Gründonnerstag bis Karsamstag ratschten die Buben statt des Gebetläutens durch das Dorf. Immer beteten sie auch beim Kreuz gegenüber dem Schmiedhaus das Vaterunser und Gegrüßet seist du Maria. Dann öffnete das alte Weibl sein Fensterl, faltete die mageren Hände und betete mit. Darum dachte ich, daß es doch nicht so böse sein könnte, wie es mir in seinem Zorn erschien. So wagte ich mich öfter und langsam näher an die verrußte Schmiede, um Herrn Flach bei seiner Arbeit zuzusehen. Es war ja auch ein imposanter Anblick, wenn der breite, mächtige Mann mit der riesigen Zange das glühende Eisen aus dem Feuer holte und es auf dem Amboß mit dem schweren Hammer so bearbeitete, daß die Funken sprühten. Schrittchen für Schrittchen wagte ich mich weiter vor und plötzlich wurde das Ausgucklöcherl schon wieder aufgerissen und die Mouhm sagte barsch: „Wos toust dann du dåu?" Ich zitterte und stotterte: „A wengerl zouschaua mechte!" Da kam es milder zurück:

„Göi owa niat za weit viere! — Mechst a weng Schworzböiakouchn?" Da freute ich mich natürlich sehr. Von dieser Stunde an fürchtete ich die alte Frau nicht mehr, obgleich sie weiterhin über „döi lausiga Kinna as da Stod" schimpfte. Ich wußte nun, daß hinter dem winzigen Fenster ein umgängliches Menschenherz schlug, und daß die Welt der Mouhm nur so groß war, wie sie sie durch das Guckloch sehen konnte.

Nun muß ich aber irgendwie zum Schluß kommen. Er ist schwierig, denn eigentlich wollte ich erklären, weshalb ich immer noch an diese drei alten Menschen denken muß, aber ich kann es nicht. Es geschah nichts besonderes mit ihnen. Sie standen vor ihrem Lebensende, ich am Anfang, dazwischen waren ein oder zwei Menschenalter, und dennoch werden sie mir sofort gegenwärtig, sobald ich an die Heimat denke.

Wir leben wirklich länger, als wir meistens glauben!

Hermine Walter, geb. Palm

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