Was mir einst der Großvater erzählte!
Es ist schon eine lange Weile her, wo mir mein Großvater sein größtes Erlebnis erzählt hat. Wenn man da die Zeiten vergleichen wollte, muß man sich fragen, wie denn die gute alte Zeit, von der man uns oft vorschwatzte, eigentlich gewesen ist. Nun zu der Geschichtlein.
Meine Mutter besaß in Tschiwou, das Dorf lag zwischen Ittwa und Teusing, ein kleines Wirtschaftl, so sagte man zu einer Kate im Egerland. Mein Vater hatte im 66er Krieg zwischen Preußen und unserem Lande eine schwere Kopfverletzung davongetragen und verstarb in einem Lazarett in Prag. Wie schwer es für meine Mutter war, die Familie durchzubringen, ist nicht zu beschreiben. Unterstützung gab es keine und wir Kinder waren noch klein, denn ich wurde 1861 geboren.
Mit acht Jahren ging es nach der Schule, denn diese mußte besucht werden, zu einem großen Bauern Viehhüten und auch sonstige in der Landwirtschaft anfallenden Arbeiten, die eben ein Kind verrichten konnte. Es wurden auch oftmals Tätigkeiten verlangt, die über die Kräfte gingen. Es gab ja damals niemanden, der für die Kinder etwas getan hätte, und ich mußte froh sein, einen Bauer gefunden zu haben, bei dem ich wenigstens etwas zu essen bekam. Das Essen war zu meiner Zeit auch nicht sehr reichlich, und gerne hätte man etwas mehr in den Bauch gestopft.
Nun, ich wuchs heran, und als ich zwölf Jahre erreicht hatte, mußte ich fast einen Knecht ersetzen. So konnte ich schon alle Feldarbeiten selbständig verrichten.
Eines Tages, es war schon bitterkalt, und morgens lag der Reif auf den Feldern. Mit dem Ochsengespann pflügte ich ein Feld. Unweit ging eine Straße vorbei. Da tauchten plötzlich Reiter auf. Auf der Straße bewegte sich ein langer Zug von Soldaten. Die Reiter kamen auf das Feld geritten, wo ich gerade mit den Füßen — ich war noch barfuß, denn die Zeiten waren so arm, daß man Schuhe erst anzog, wenn der erste Schnee da war, und man zog sie wieder aus, wenn er weggegangen war — in den frisch gemisteten Dung des einen Ochsen stand. Das war die Wärme, die den ganzen Körper durchströmte. Man paßte genau auf, wenn ein Rind mistete, dann konnte man sich die Füße in dieser kalten Jahreszeit wärmen. Die Herren, es waren ihrer viere, blieben bei mir stehen. Das Herz war mir fast stillgestanden, denn meine ersten Gedanken waren, jetzt holen sie dich auch noch zu den Soldaten. Damals hat man nicht lange Federlesens gemacht und auch Kinder zu den Soldaten gepreßt, wenn sie nur mit etwas umgehen konnten. Nun und ich war nicht klein, aber auch nicht sehr kräftig. Was die Herren damals zu mir sagten, habe ich vergessen. Ich weiß nur, daß ein auf einem prächtigen Pferd sitzender und ein aussehender Mann mich fragte, weshalb ich in dem Dreck stehe. Als ich es ihm erklärte und sagte, daß es bei uns noch zu früh sei Schuhzeug zu tragen und die Kälte auf diese Weise erträglicher wäre, da griff er in die Tasche und hatte plötzlich 2 Goldstücke in der Hand. Er rief mich zu sich und ließ mir die 2 Goldstücke in die Hand fallen, die ich auf sein Geheiß hin halten mußte. Dazu sprach er, daß ich mir Schuhe und etwas zum Anziehen erwerben soll. Er komme demnächst wieder vorbei und werde nachschauen, ob ich seinen Auftrag ausgeführt habe. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich bedankt habe. Ich war ganz durcheinander. Auch könnte ich heute noch nicht sagen, ob ich mich freute oder ob es Angst war. Auf alle Fälle waren die Reiter sofort den auf der Straße marschierenden Soldaten nachgesprengt. Das eine weiß ich noch: Gefroren hat es mich nicht mehr und ich war froh, als ich das Feld bestellt hatte und heimwärts ziehen konnte.
Noch am gleichen Tag ging ich zum Dorfschuster und ließ mir ein Paar Stiefel anmessen, was dieser erst garnicht machen wollte. Denn drei Gulden wären fällig und wo hast Du schon soviel Geld. Da zeigte ich ihm ein Goldstück. Er traute seinen Augen nicht. Woher ich denn auf einmal so viel Geld habe, war seine Frage. Ich erzählte ihm die Begegnung und sagte auch gleich, der Herr würde zur Kontrolle kommen und nachsehen, ob ich seinen Auftrag auch richtig ausgeführt habe.
Beim Schneider war die gleiche Prozedur fällig. Auch er weigerte sich anfangs, mir die gewünschten Kleider anzufertigen. Als er aber das Goldstück gesehen hatte, ging alles reibungslos. So kam ich plötzlich zu neuen Stiefeln, die natürlich etwas komoder angefertigt werden mußten, damit sie einige Jahre das Hineinwachsen zuließen. Genau so gab ich auch dem Schneider den Auftrag. Nun hatte ich für den kommenden Winter warme Füße, denn einige Lappen, die man als Fußfetzen verwenden konnte, wenn es an Wollenen fehlen sollte, trieb man immer auf. Auch war man ja nicht so sehr verwöhnt gewesen. Man hielt schon etwas aus.
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