Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 164
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Setkání na kraji cesty mého dětství

Begegnungen am Wegrand meiner Kindheit

Wenn die Lebensjahre unversehens jenseits der Jugendzeit sind, dann beginnt der Mensch seine Erinnerungen zu sammeln. Er hängt ihnen allen nach, — den frohen mit tiefen Seufzern voller Wehmut und „ach ja, wie war es doch damals so schön!", den traurigen mit der Erfahrung, daß nach jedem Schlag nur Gottes Güte allein wieder aufzurichten vermag. Nun soll hier aber nicht von Höhen und Tiefen im menschlichen Leben erzählt werden, sondern von alltäglichen Begebenheiten am Wegrand meiner Kindheit. Jeder von uns hat Ähnliches erlebt und wird es nicht vergessen können. Obzwar jene Männer und Frauen, denen ich dabei begegnete, meistens von einfachster Lebensart waren, beeindruckte mich ihr Wesen so nachhaltig im guten Sinne, daß ich diese Erinnerungen wirklich niemals missen möchte.

Da war zuerst mal unsere gute Milchfrau aus Schönwehr. Sie hieß ganz schlicht Anna Eckl, und so wie sie hieß, war sie auch. So weit ich mich gedanklich zurückversetzen kann, kam diese tapfere Frau bei jedem Wetter zuverlässig werktags schon gegen sieben Uhr am Morgen und brachte uns die Milch. Heute noch sehe ich, wie ihre blaugefrorenen Hände, über die zur Hälfte Wollstutzen gezogen waren, die zu Eisstückchen gefrorene Milch aus dem Seidl in den irdenen Topf gossen. Und wenn sie das Wechselgeld herausgab, mußte sie immer erst die steifen Finger anhauchen. Ihr rotes, verwittertes Gesicht war eingerahmt von zwei Kopftüchern, wobei sie das erstere tief in die Stirne gezogen und im Nacken gebunden hatte, während das zweite weiter oben über dem Kopf lag und unter dem Kinn verknotet war. An eisigen Wintertagen waren die Wollfasern rings um das Gesicht der Frau und ihre Augenbrauen ganz weiß von dem zu Reif erstarrten Atem. Wenn wir in der Stadt noch immer in unseren warmen Betten lagen, hatte unsere Frau Eckl längst ihre schweren Milchkannen in den Milchweiberwaggon des Tepeltalbähnchens verladen, worin sie gemeinsam mit ihren Gefährtinnen bis Aich eine kleine Verschnaufpause hatte. Dort aber hob sie die schweren Pleschen wieder aus dem Waggon und verlud sie in ihren Holzwagen mit den eisenbereiften Rädern, den sie nachher ratternd über die holprige Landstraße bis Meierhöfen vor sich herschob.

Einmal hat unsere Milchfrau innig an meinem Leben teilgenommen. Sonntags kam sie stets gegen acht Uhr. Und sie kam gerade an einem sonnigen Sonntagmorgen im April, als vom Karlsbader Krankenhaus die telefonische Nachricht eintraf, daß meine liebe Mutter in der Nacht gestorben sei. Mein Bruder Heinrich und ich klagten fassungslos, da nahm uns die gute Frau Eckl so warm und herzlich in die Arme, und während über ihre Runzelwangen auch die Tränen rannen, sagte sie uns liebe und tröstende Worte. Sie waren Balsam in unserer Einsamkeit, denn diese schwer arbeitende Frau hatte trotz der Härte ihres Lebens ein weiches, mitleidendes Herz, das wir wohltuend fühlen konnten. Bis kurz nach Kriegsbeginn kam unsere treue Milchfrau noch zu uns, aber dann mußte sie ihren Handel aufgeben, denn ihre Kunden ließen sich immer mehr von der Karlsbader Zentralmolkerei beliefern. Ich habe Frau Eckl erst viele Jahre später wiedergesehen, als ich sie in Freystadt/Opf. besuchte. Sie war inzwischen sehr alt, krank und ganz schmal geworden. Aus ihrem Bett sah sie mich zweifelnd an, aber dann erkannte sie mich doch und freute sich mit ihrem ganzen müden Herzen, dabei griffen ihre zitternden Hände nach den Blumen, die ich auf die Decke legte. „Moiderl, dare di nu amäl sia, des freit me!" sagte die Kranke wiederholt und suchte mühsam nach gemeinsamen Erinnerungen. Als ich von ihr schied, wußte ich, daß ich ihr zum letzten Male die Hand reichte, denn schon wieder war sie mir weit entrückt und ermattet fielen ihr die Augen zu.

Der zweite Mensch, der viele Jahre über alle Stürme der Zeit hinweg in mein Elternhaus kam, war unser alter Buttermann aus der Luditzer Gegend. Er hieß zwar schön deutsch „Schmidt", war aber ein Tscheche mit den typischen Merkmalen seiner slawischen Rasse. Seine Nase war etwas kurz und stumpf, die Wangenknochen breit und hoch. Vom jahrelangen Tragen der schweren Butterkiste und den beiden Eierkörben quollen ihm förmlich die Augen aus den tiefen Höhlen, was ihm ein zorniges und grausames Aussehen verlieh. In Wahrheit war er aber ein herzensguter Mensch, der ausgesprochen kinderfreundlich war und ganz unglücklich sein konnte, wenn die Mädchen und Buben fortliefen, sobald er auftauchte. Ich wich ihm ebenfalls stets aus und wollte es durchaus nicht dulden, daß er mir über den Kopf streichelte. Meine Abneigung gegen ihn wurde tagtäglich genährt, denn das Wandmuster des Zimmers, in dem ich schlief, erinnerte mich jeden Abend an den armen Mann. Es waren nämlich drei faustgroße Blüten zu einem

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