So wanderten wir zu dritt bereits am frühen Morgen des Gründonnerstages los, um den ersten Zug in Aich zu erreichen. Bald gingen wir entlang der Eger, die unter den sprießenden Zweigen der Weiden am Uferrand in der Morgensonne glitzerte. Vor Glück sangen wir immer wieder frohe Lieder in den jungen Tag.
Da sahen wir, als wir zur Aichener Brücke kamen, auf der Landstraße von Janessen her einen Buben und zwei Mädchen kommen. Sie trugen auch ein Ränzchen, lachten und waren ausgelassen wie wir. Bald erkannten wir in ihnen meinen Vetter Robert und seine beiden jüngeren Schwestern. Voll Freude erzählten sie uns, daß sie ebenfalls zu unserer Großmutter nach Gfell wollten, worüber wir allesamt in einen wahren Glückstaumel gerieten. Unser Beschluß stand bald fest, daß wir nicht mit dem Zug fahren, sondern über Aich-Pirkenhammer und Ziegelhütten nach Gfell wandern würden, denn das ersparte Geld konnte die Großmutter gut brauchen.
So gingen wir nun gemeinsam weiter, und als wir hinter Aich an den Waldrand zur Villa „Nimrod" kamen, machten wir Rast. Von jener Stelle bot sich ein herrlicher Blick auf das Egertal mit Aich und Taschwitz, herüber zum Hornerberg mit seinen Dörfern Horn und Janessen und weit bis zum stahlblauen Erzgebirgskamm. Um uns summten die Bienen und suchten mit Fleiß nach blühenden „Palmkatzerln". Bald schon wanderten wir wieder weiter über die Anhöhe und dann hinunter in das liebliche Tal unserer Tepl, die sich in vielen Windungen so schlängelt, als wollte sie niemals der Eger zufließen. Auf einem Wiesenstück kurz vor Ziegelhütten hörten wir unseren Zug ächzend von Aich herkommen. Wir blieben stehen, um zu warten und winkten dann noch lange dem davonfahrenden Bähnchen nach. Nachher setzten wir unser Gepäck ab und beschlossen übermütig, einen Wettlauf über zweihundert Schritte zu machen. Darüber erhitzten wir uns natürlich so sehr, daß wir unsere Kniestrümpfe runterrollten und die Mäntel auszogen. Von der Tepl aber wehte es kühl und erfrischte uns wunderbar. Da nahmen wir unsere Ränzlein wieder auf und marschierten weiter durch Ziegelhütten, beim Schloß und dem Karpfenteich vorbei, in den Wald hinein. Allerdings wurden wir nun einsilbiger, denn wir fürchteten uns zwischen dem dunklen Unterholz und den hohen, alten Fichten, hinter deren dicken Stämmen ich versteckte Räuber wähnte. Jedoch hütete ich mich aus Scham über meine Angst zu sprechen. Wir wurden erst wieder unbekümmert, als wir bei „Schönhansels Tala" aus dem Wald kamen. Nun liefen wir lachend zum glasklaren Bächlein, das murmelnd vom Dorf zur Tepl runterplätscherte und tranken von seinem Wasser. So erfrischt kletterten wir leichtfüßig an der „Koschek-Villa" vorbei den „Katzasteig" hinauf, bis wir auf der Höhe aus dem Wäldchen kamen. Dort standen damals eine starke Fichte mit tiefhängenden Ästen. An ihnen hielten wir uns fest und schaukelten uns weit über den steilen Berg hinaus, so daß wir unter uns drohend die Tiefe sahen. Aber bald drängte es uns ins Dorf zu kommen, und wir liefen das letzte Stück bis dorthin, so schnell uns unsere Füße tragen konnten. Wir rannten vom „Indern Houvler" die Straße herauf und trieben Hühner und Gänse so schreiend vor uns her, daß die Gfeller uns erschrocken nachschauten.
Meine Großmutter machte große Augen, als wir sechs Kinder so plötzlich vor ihr standen, denn gewiß haben sich ihr sofort ungezählte Fragen aufgedrängt, wie sie wohl diese hungrige Meute immer satt bekommen würde. Darüber machten wir uns indessen gar keine Gedanken, da die tapfere Frau solche Probleme stets ohne viel Worte löste. So rannten wir bald wieder aus dem Haus und ließen die Großmutter mit ihren Sorgen und der Arbeit allein. Dafür brachten wir ihr dann vom Töppeleser Weg den ersten Frühlingsstrauß und einen bohrenden Hunger mit heim. Sie aber hatte inzwischen unser Gepäck aufgeräumt, gekocht, und aus dem Ofenrohr kroch der Duft von Osterlaibln.
Als der lichte Tag sich neigte, saßen wir um die Großmutter versammelt am warmen Herd, und sie erzählte uns Geschichten vom Krudum, vom „Hadmannl" und dem „Galgenberg". Währenddessen flackerte der Schein des Feuers durch die Ofenritzen über ihr kleines, runzliges Gesicht und über die fahle Wand bis zur Decke. In unsere Herzen zog langsam die Abendruhe ein, und müde von einem langen, glücklichen Tag legten wir uns bald zum Schlafen, zumal wir außerdem am nächsten Morgen nach Schlaggenwald gehen wollten.
Schon um sechs Uhr weckten uns die Ratschenbuben, während die Hofhunde dazu bellten und jaulten. Durch die Fensterritzen wehte der Geruch von frischem Schnee zu uns herein, und an den Scheiben ballten sich dicke, weiße Flocken. Über Nacht war noch einmal der Winter zurückgekehrt und hatte das ganze farbenfrohe Frühlingserwachen zugeschneit.
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