Ostern 1979
„Wir sind Zeugen für alles, was er im Lande der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn habt ihr ans Kreuzesholz gehängt und getötet, Gott aber hat ihn am 3. Tage auferweckt und hat ihn erscheinen lassen zwar nicht allem Volk, wohl aber den von Gott vorher bestimmten Zeugen." (Apg. 10, 40 u. 41)
Obige Verse stammen aus der Predigt des Apostels Petrus vor dem römischen Hauptmann Cornelius. Es ist das Herzstück der christlichen Osterbotschaft vom Leiden und Sterben, von der Auferstehung und Verklärung unseres Herrn. Ich bin sehr dankbar, daß ich über unsere Heimatblätter zu den Hochfesten des Jahres ein Wort christlicher Verkündigung an viele Landsleute richten kann, ein schlichtes Wort an alle, die noch die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Glauben besitzen.
In den Jahren 1512 bis 1516 schuf der große Maler aus Unterfranken, Meister Mathias Grünewald, den berühmten Flügelaltar für die Antoniter Klosterkirche in Isenheim, im Elsaß. Dieser Flügelaltar stellt schon in seiner Konstruktion ein Kunstwerk dar und zeigt bei verschiedener Flügelstellung die 3 großen Heilsgeheimnisse unserer Erlösung. Bei geschlossenen Außenflügeln erscheint im Mittelfeld das berühmte Bild der Kreuzigung. Vom dunklen Hintergrund hebt sich das Kreuz ab: zwei roh gezimmerte Balken mit dem Leib des gekreuzigten und gemarterten Herrn. Links vom Kreuz Maria „die Schmerzensmutter" mit Johannes dem Lieblingsjünger und Maria Magdalena. Rechts vom Kreuz das faszinierende Bild Johannes des Täufers mit der hinweisenden Hand und dem Osterlamm. Zwar war Johannes, als Jesus starb, bereits tot, aber schon bei der ersten Begegnung mit dem Herrn hatte er den Sinn seines Todes gedeutet: „Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt!"
Wenn die Außenflügel eingeschlagen werden, erscheint ein völlig neues Bild, der Weihnachtsaltar: Mariae Verkündigung, musizierende Engel und Maria mit dem Jesuskind als strahlende Mutter im Garten auf dem Hintergrund des vom Himmel her einfallenden Lichtes. Auf dem rechten Außenflügel der ebenfalls in Licht gehüllt das Bild der Auferstehung, das gleichzeitig Christus in der Verklärung zeigt. Das gesamte Werk ist eine gewaltige visionäre Zusammenschau der großen Heilsgeheimnisse unseres Glaubens. Der Weihnachtsaltar: Gott wird Mensch zu unserem Heil. Das Kreuzigungsbild: Jesus gibt sein Leben als Lösegeld für die vielen. Das Osterbild: Gott hat seinen Sohn am 3. Tage auferweckt und verklärt kehrt Christus zurück in die Herrlichkeit seines Vaters.
Vor diesem Altarwerk können wir unseren Osterglauben prüfen. Stellen wir uns ehrlich die Frage: Glaube ich, daß Christus auch für mich Mensch geworden ist? Glaube ich, daß Christus auch für mich gelitten hat? Glaube ich, daß Christus auch für mich gestorben und vom Tode auferstanden ist?
Wenn wir auf diese Fragen mit einem gläubigen Ja antworten können, dann erhält unser Leben einen festen Grund. Jesus Christus hat durch seinen Tod die Menschen befreit von den Mächten, die uns am meisten bedrängen: Sünde und Tod. Zwar sind wir auch jetzt noch von der Sünde bedroht und werden es sein, solange wir leben. Zwar müssen wir alle am Ende unseres irdischen Lebens — Gott allein kennt Tag und Stunde — den Tod erleiden, den Christus mit uns geteilt hat. Wir sind aber getauft auf Christi Tod, damit wir mit ihm leben, jetzt und in Ewigkeit. Mit der Gewißheit des Glaubens wissen wir, daß die Ursehnsucht nach Überwindung des Todes keine Jllusion ist. Im Lichte der Auferstehung können wir die großen Fragen unseres Lebens neu bedenken: Freude und Leid, Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung. In der Sicht von Ostern werden wir auch in leidvoller Zeit osterfrohe Menschen werden. Der Osterglaube an Christi Tod und Auferstehung ist der tiefste Grund unserer Hoffnung und unserer Osterfreude.
Ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes Ostern und ein frohes Alleluja. Auf Wiedersehen bei vielen Wallfahrten und Heimattreffen im Jahre 1979.
Prälat Dr. Karl Reiß,
Apostolischer Protonotar
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