Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 154
/ 32
česky německy obojí klasické zobrazení →
Sken listu 8
Štědrý večer 1917

Heiliger Abend 1917

Drei Jahre dauerte schon der erste Weltkrieg und es war noch immer kein Ende abzusehen. Viele junge Männer gaben schon ihr Leben für Heimat und Vaterland. Alle Krankenhäuser und Lazarette waren überfüllt mit verwundeten Soldaten. Auch in Schlaggenwald wurde die Knabenschule als Lazarett eingerichtet. Überall im Lande herrschte Hunger und Not, denn es gab keine Lebensmittelkarten wie im zweiten Weltkrieg. Auf den Gemeindeämtern wurden ab und zu Lebensmittel verteilt, aber das reichte bei weitem nicht aus. So gingen die Leute hamstern auf die Dörfer und baten um ein Stück Brot oder zwei, drei Kartoffeln. Die Züge waren immer vollgestopft mit hungernden Menschen. Es wurde so gespart, man wollte ja auch zu Weihnachten an seine Angehörigen ein Feldpostpäckchen schicken. Mit lauter Sorgen nahte nun der Heilige Abend. Meine Mutter stand früh auf. Ihre erste Arbeit war das Lichtlein bei der Krippe anzuzünden. Gleich war es feierlich in der Stube. Bei uns gab es damals noch kein elektrisches Licht, es gab keine Kerzen und nur wenig Petroleum. Es war eben Krieg.

Hatte die Mutter die Melkarbeit hinter sich und den Kaffeetisch fertig für die Männer, dann richtete sie schon alles her für den Heiligen Abend. Es gab selbstgemachte Nudeln und natürlich „Bröita Biazala". Nüsse hatten wir selbst, weil wir im Gärtchen vor dem Haus zwei große Nußbäume hatten. Geschenke gab es keine, weil es ja nichts zu kaufen gab. Und so wurde es nur zu schnell Abend. Der Vater brachte ein Bündel Heu unter den Tisch für Christkindchens Pferde. Haferschrot stellte er in den Flur, eine Sonderzuteilung für die Tiere im Stall. War dann gegessen, streute die Mutter die Reste auf das Tischtuch und der Knecht brachte alles in den Garten, denn auch die Vögel mußten was vom Heiligen Abend haben. Als der Knecht zurück kam, hatte er einen Zettel in der Hand und sagte: „Das lag am Bankerl neben der Haustür und war mit einem Stein beschwert, damit ihn der Wind nicht wegtreiben konnte. Es war so hell, da sah ich ihn liegen". Es war so ein Zeichenblatt aus der Volksschule, der Rand umrahmt mit schwarzer Tinte, darauf stand folgendes geschrieben: „Schmerzerfüllt geben wir allen Verwandten und Bekannten die traurige Nachricht, daß unser lieber, letzter, guter Brotlaib infolge eines eingetretenen Heißhungers aufgegessen wurde. Wir bitten Gott, daß er den leeren Brotkasten bald wieder füllen möge".

In tiefer Trauer:
Eine Mutter mit ihren hungernden Kindern".

Alle lachten über den Einfall, nur bei meiner Mutter wurden die Augen naß. Als die Küche aufgeräumt war, ging alles ins Bett, um noch ein wenig zu ruhen bis zur Christmette. Aber meine Mutter sah ich verschwinden in der Winternacht mit etwas Rundem in der Schürze. Auch der Vater bemerkte es. Als sie wiederkam, sagte Vater: „Mutter, Mutter, du gibst so lange her, bis wir selber nichts mehr haben, bis zur Ernte ist noch eine lange Zeit." Sie antwortete: „Ach Vater, geben ist seliger als nehmen." Diese Worte habe ich mir gut gemerkt.

Als wir 1946 aus der Heimat vertrieben waren und den ersten Heiligen Abend in der Fremde feiern mußten, wohnten wir bei einem Bauern, hatten ein kleines Zimmerchen, aber es waren sehr gute Leute; wir brauchten nicht Hunger leiden. Als wir am Heiligen Abend mit den Essen fertig waren, saßen wir alle drei ganz traurig auf unserem Hocker, den uns die Gemeinde stellte. Es klopfte an der Tür und unser Hausherr kam mit seiner Schwiegertochter. Sie brachten uns einige Plätzchen und etwas Fleisch für das Weihnachtsfest. Einen Heiligen Abend gab es bei ihnen nicht so wie bei uns. Als sie fort waren, legten wir uns nieder, aber vom Schlaf war keine Rede. Das Heimweh überkam mich. Ich drückte den Kopfpolster über mein Gesicht, daß mich niemand hörte und weinte bitterlich. Ich sah Vater und Mutter daheim in der Stube stehen und hörte wieder Mutters Worte „Geben ist seliger als nehmen". Da kamen mir diese Worte und deren Bedeutung so richtig zum Bewußtsein. Nun haben wir es doch wieder so weit gebracht, daß wir Gebende sein dürfen.

Der Fam. Brummeissl und allen Lesern des Heimatbriefes ein gesegnetes Weihnachtsfest sowie ein recht gesundes und friedliches neues Jahr wünscht von Herzen Ihre

A. KEMPF

věta pokračuje na dalším listu ⟶

list 8 z 32
Rozdělení textu na listy je odhad — text může o odstavec přetéct na sousední list. Původní znění vlevo je vždy přesné.
Klikni na větu a ukáže se, kde na skenu stojí. Zvýrazňují se celé řádky, ne přesná slova — místo je tedy přibližné.