Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 149
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Kavalír silnice

Ein Kavalier der Landstraße
„Ein Kavalier der Landstraße"

Hier bringe ich in Anlehnung an das Stimmungsbild „Die kleine Landstraße" von Hermine Walter, geb. Palm, eine Erzählung aus meiner Kindheit.

Unser Juni-Heimatbrief hat es mir mit der obengenannten schönen Schilderung von Frau Walter — einer Schulfreundin von mir — und der Nachricht, daß unser ehemaliger Herr Kaplan Womes seinen 75. Geburtstag feiern konnte, besonders angetan. Ich möchte auch gleich die Gelegenheit wahrnehmen, ihm noch nachträglich von seinen Gfeller Schulkindern die besten Geburtstagsglück- und -segenswünsche zu übermitteln. —

In ihrem Beitrag läßt meine Freundin Hermine auf der kurzen Strecke unserer Heimatstraße nicht nur die vielfältigen Landschaftsbilder vorbeiziehen, sondern sie läßt auch verspüren, was die kleine holperige, ungeteerte, bei Regen aufgeweichte und unzählige Pfützen aufweisende und bei Trockenheit und Sturm viel Staub aufwirbelnde Straße von uns an Leistungen abverlangte. Das mag auch aus meiner Erzählung zu erkennen sein:

Unser guter Vater, der viel für die alte Bauernweisheit übrig hat, lebt immer noch nach dem Grundsatz: Ein rechter Mann soll ohne einem Taschenmesser und einem Strickl nie aus dem Haus gehen. Diese alte Bauernregel brachten mir die beiden oben genannten Beiträge in Erinnerung.

Einmal mußte ich, wie so oft, mit dem Ziehwägelchen zum Einkaufen und Gersteumtauschen in das Kolonialwarengeschäft Neidhart nach Schlaggenwald fahren. Ich war damals etwa 10 Jahre alt und ein recht zartes Dingerl. Die Mutter hatte es befohlen, und so gab es keine Widerrede. Als ich auf dem Heimweg meinen schwer beladenen zweirädrigen Karren die steile „Neia Strouß" hochzog, mußte ich mich recht abplagen. Als ich mich bereits bei der Abzweigung nach Poschitzau befand, kam hinter mir mit einer Staubwolke und lautem Geratter ein Motorrad daher. Der Fahrer hielt an, denn er hatte gesehen, wie sehr ich mich abschinden mußte. Als die Staubwolke verzogen war, erkannte ich unseren Herrn Kaplan Womes. Er bot mir an, mich am Motorrad mitzunehmen. Ich schaute ratlos auf mein Ziehwagerl aber der Herr Kaplan wußte sich zu helfen. Als Bauernsohn wußte er, was sich für einen rechten Mann gehört, zog ein Strickl und ein Messerl aus seiner Tasche, band mit Geschick mein Wagerl am Sozius fest, ich schwang mich darauf und schon ging es in Windeseile auf der holperigen Landstraße dahin. Es muß wohl ein lustiges Bild gewesen sein als mein Ziehwagerl in Schlangenlinie von einem Schlagloch ins andere hinter dem Motorrad daherfuhr. Am Fischer-Bergl wurde angehalten, der Karren losgebunden, der Herr Kaplan steckte nach sparsamer Bauernart das Strickl wieder in seine Tasche und fuhr zur Schule, um dort seinen Religionsunterricht zu halten.

Als ich dann mit meinem Karren durch das Hoftor fuhr, stand meine gute Mutter unter der Haustür, schlug die Hände über dem Kopf zusammen voller Erstaunen, daß ihr Ernerl so früh zurückkam. Ich erzählte mit Stolz von meinem Glück, daß mich der Herr Kaplan auf dem Motorrad mitgenommen hatte.

Noch mehr war aber meine Mutter erschrocken, als sie die Bescherung sah, daß der ganze Einkauf wie Kraut und Rüben durcheinander geraten war, weil alle Tüten aufgeplatzt waren.

Das hat aber der Herr Kaplan Womes nie erfahren, denn er war doch ein Kavalier der Landstraße.

Erna Kögler, geb. Jessl (Gfell)

● Der nächste HEIMATBRIEF erscheint im Dezember 1977 EINSENDESCHLUSS für alle Veröffentlichungen ist der 15. November.

● Was später eintrifft, kann erst im März-HB 78 bekanntgegeben werden.

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