Der Herrgott wird einmal das Urteil sprechen
Im schönen Egerland bin ich geboren und dort verbrachte ich meine Kinderzeit. Jetzt habe ich die Heimat längst verloren, ich denke oft an die Vergangenheit.
Ich kann nicht mehr die alten Wege gehen
wie damals mit den Eltern, Hand in Hand.
Die Liebe und die Sehnsucht bleibt bestehen,
wenn ich auch hier die neue Heimat fand.
Denn die Erinnerung ist mir geblieben
an jene Tage voller Glück und Freud,
wo ich als Kind im Kreise meiner Lieben
nichts ahnte, von der Schicksals Grausamkeit.
Das Ungewisse läßt sich schwer ertragen,
es quält mich oft, jahrein, jahraus,
Mein Sohn, der wird mich einmal fragen
nach meiner Herkunft und dem Elternhaus.
Ich werd mit ihm dann durch die Heimat wandern,
durchs schöne Egertal, von einem Ort zum andern.
Beim Abschied zeige ich ihm noch — ein Grab,
Dort wo mein Vater liegt, in der geweihten Erde,
erzähle ich dem Sohn wie alles kam . . . .
wie man für uns das Heimatrecht verwehrte
und vielen Menschen ihr Zuhause nahm.
Ich spreche nicht mit Haß von dem Verbrechen,
denn dazu ist ein andrer Richter da!
Der Herrgott wird einmal das Urteil sprechen,
für alles Böse, was damals einst geschah!
Werner Georg
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unserer Zeit hat es sich äußerlich nur wenig abgehoben. Noack(a)da u'Streißlkouchn war ein Zeichen, wo man einer Anna, Annl oder Nannl gratulieren mußte. Schlaggenwald hatte eine Menge davon.
Bald danach war es Zeit zum Schnied. Täglich sah man beim Futterholen, wie auf der Poschitzauer Seite die Getreidefelder sich heller färbten. Als dann drüben die ersten Mannla zu sehen waren, wurden auch die Schlaggenwalder Ökonomen unruhig, befestigten die Sei(n)s am Wachler und begannen — wie Jahrhunderte zuvor — mi(t)n Haua. Man wünschte ein beständiges Wetter dazu und wenn es in die Ernte hineinregnete, sagten die Alten: „Die Sonne läßt eher ein Stück Brot reifen, als der Regen".
Mit ausgefallenen und ausgewachsenen Körnern verringerte sich der Ertrag. Fand ein Mäher oder eine Wegnehmerin einen Halm mit zwei Ähren — ein Zwieährl — so verbanden sie allerlei Deutungen damit. Beim Einfahren saßen wir Kinder dann wieder am Wagen und langten nach den sich rot färbenden Vogelbeeren, von denen zahlreiche Bäume neben dem Wolfshof- und Ebmetweg standen. Heute noch, wenn ich Vogelbeeren sehe, fällt mir das Wort ein: „Bou, gäih niat hi(n), wou Vouglbie(r) u Hoannabuttn woachsn!" Daraus sprach die Erfahrung des Daseins auf ärmeren Böden. Jetzt konnte der Wind, da die Felder sich leerten, über die Haferstoppeln gehen; ein eindringlicher Hinweis auf den nahenden Herbst.
Wiesen, Felder und Wälder wurden mir richtig vertraut durch den Umstand, daß mein Vater Heilkräuter schätzte. Ich mußte vom Frühjahr bis zum Herbst holen, wofür jeweils die günstigste Sammelzeit war. Dabei lernte ich mancherlei Pflanzen kennen und ich wußte sie auch zu finden. Im Frühsommer waren Erdbeer-, Himbeer- u. Brombeerblätter dran, die holte ich vom Meitnerberg, ebenso Birkenblätter. Spitzwegerichblätter waren in den Kleefeldern zu finden. Kinnerla, genauer Thymian, die kleinen violetten, stark riechenden Blüten standen auf Ameisen- und Erdhaufen, auf Wiesen und an Wegrändern. Am oberen Turnplatz, auf der Kochwiese und am Tunneleingang auf der Oberen Gasse zupfte ich Mehlbeerblüten vom Weißdorn. Der schwarze Holunder — Hula — mit den großen Blütendolden stand in den Höfen hinter den Häusern, um Scheunen herum und in der Flutmauer drin. Auf Holzlagerplätzen, an Mühlgräben entlang und hinter Holzschupfen breiteten sich prächtige Stauden aus. Die Blüten ergaben einen guten Tee, Hulabüatze(r)la konnte man daraus backen u. einen wunderbar duftenden Wein ansetzen. Schon um dieses Aroma aus den großen Gurkengläsern noch einmal zu erleben, sollte man einige Liter Zuckerwasser zum Gären bringen und zwei, drei Holunderblüten hineinlegen. In Sonne und Wärme am Fensterbrett gibt das einen guten Wein und sein Duft weckt Geschichten und Bilder auf. Beim Heidelbeer- und Hagebuttenwein zeigen sich die gleichen Erscheinungen. Lindenbäume blühten am Malzmüllerdamm, auf der Kirchstaffel bei der Dreifaltigkeit, in der Bahnhofstraße, am Gänsdörfel und am Neuen Weg. Akazienblüten trug ich vom Bahnhof und auch vom Galgenberg ein. Vom Waldmeister hörte ich oft reden, es soll ihn aber nur vereinzelt auf der Had gegeben haben. In der Bärleiten, bei den hohen Felsen, wuchs die weniger bekannte Goldrute. Ehrenpreis, kleine blaßblaue unscheinbare Blümchen pflückte ich am Abhang der Kiefernspitze, wo man zum Alisteich hinübersehen konnte. Johanniskraut hatte seinen Standort auf den trockenen Hängen des Meitnerberges und auf den kargen Böden der Hahnenhalde. Auf allen Wegen um die Ebnet herum wucherten die von den Badegästen gerne mit nach Hause genommenen blauen Lupinen. Am Ende des Ebmetteiches, wo das Wasser flacher wurde, und die sumpfig-saueren Wiesen begannen, hatte das unter Naturschutz stehende Wollgras seinen Platz. Bei uns verbreitete Pflanzen findet man hier im Odenwald nur noch in den Heimatkundebüchern. Die schönste Blume des Sommers daheim war für mich die Konasbluma. In den Büchern heißt sie Bergwohlverleih und Arnika. Sie gehörte zur Ebmet, zum Weißen Hügel, zum Spitzberg, Muckengrund, Zankholz, Dreihäuser und Grainbach. In Form und Größe war sie Margareten ähnlich, ihre Blüte war orange, wie die nach der Glut eines Hochsommertages untergehende Sonne. Ihr Geruch war wie Medizin und ihre Anwendung als Einreibung mit Spiritus als altes Hausmittel bekannt. Nur auf den Waldwiesen bei uns hab ich so viel Arnika gefunden. In großen Teilen der Bundesrepublik findet man ihn nicht und im geologisch verwandten Bayerischen Wald nur an wenigen Plätzen. Auch die am Weißen Hügel und hinter dem Spitzberg im Filz vorkommenden Tollbeeren, von denen man einen Rausch bekommen sollte, habe ich seitdem nimmer gegessen.
Am Ende aller Aufzählungen fällt mir noch die große und kleine Kapelle ein. Draußen in der Sommerhitze hundertfaches Fliegensummen, zwitschernde Vögel um die Ahornbäume und um die große Kastanie, drinnen Stille wie in einer Gruft. Vergilbte Kunstdrucke, süßliche Herz-Jesu-Darstellungen, einfältig gestickte Altardeckchen und dabei immer wieder ein Strauß Blumen: Glockenblumen, Vergißmeinnicht, Wiesenschaumkraut — Margareten, Pechnelken und Kornblumen — in das Gitter gesteckt und verwelkt. Wer mögen die gewesen sein, die sich im Feld die Zeit nahmen um einige Blumen in die Kapelle hinüberzutragen? Wie mühselig und schwer mögen die Frauen am Wege vom Wald bis heim getragen haben, als sie dort bei der Muttergottes einen Blumenstrauß zurückließen? Was aber, wird mancher Leser fragen, sollen nun diese verwelkten Blumen? Wem helfen diese gefühlsvollen Erinnerungen? Wir haben Wichtigeres zu tun, als liebevoll-fromm heilige Bilder zu schmücken. Darüber schrieb schon vor 50 Jahren ein russischer Schriftsteller:
„Die braven Wohlgesinnten, die sich der Lehre
der Vernunft verschrieben,
Die brauchen keine Wunder,
Kein heil'ges dummes Zeug . . . . "
Und doch spüren wir, ohne „heiliges Zeug", ist ein Land wie eine Flur ohne Blumen. Wo nichts heilig ist, da bleiben wir krank. Wir brauchen die vergänglichen sichtbaren Dinge, um an das Nicht-Sichtbare Unvergängliche zu glauben — wenn der Herbst kommt.
Herbert Jakob
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