Schlaggenwälder Heimatbrief — Folge 148
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Věštba slepého pastýře z Čech z roku 1356

Meine Bemühungen förderten aus allen Schichten der deutschen und tschechischen Bevölkerung eine Unmenge verworrenster und phantastischer Abschriften der Prophezeiungen zutage und nur mit größter Mühe und Liebe gelang es mir schließlich, aus dem Wust 120 Abschriften und vier Druckwerke in deutscher Sprache sowie 30 Abschriften in tschechischer Sprache zu ermitteln, die ungefähr dem ältesten mir bekannten Druckwerk aus dem Jahre 1660 entsprachen. Die meisten mir zugekommenen Abschriften (weit über 1000) enthielten ein wirres Durcheinander von Sätzen der verschiedensten Propheten und ich konnte später zusammenfassend fünf verschiedene Quellen feststellen, aus denen die Abschreiber die angeblichen Prophezeiungen des blinden Jünglings zusammengestellt hatten.

Es waren dies:
1. die tatsächlichen Vorhersagungen des blinden Jünglings,
2. die Vorhersagungen des bayerischen Waldpropheten Stormberger,
3. die Prophezeiungen der Michalda,
4. die Prophezeiungen Nostradamus und
5. die Prophezeiungen aus dem Alten Testament.

Während die Zusätze aus den Quellen 3 bis 5 leicht zu erkennen und auszusondern waren, bildete die Vermischung der beiden wesensverwandten Volkspropheten 1 und 2 ein fast unzertrennliches Ganzes.
Was ich hiemit in dieser Schrift niedergelegt habe, ist das Ergebnis einer langen Reihe von Vergleichungen und Gegenüberstellungen, von dem ich glaube, daß es dem Original am nächsten kommt.
Es würde diese Schrift unnötig vergrößern, wollte ich auch noch die Ergebnisse meiner Ermittlungen nach der Entstehung solcher Vorhersagungen zufügen. Auch wäre dem einfachen Leser mit Erklärungen aus dem Gebiet der transzendentalen Forschung und mit abstrakten Formulierungen wenig gedient. Die Leser, an die sich das Büchlein hauptsächlich wendet, die durch Potsdam vertriebenen Deutschen aus Böhmen, stellen aus ihrer Not heraus klare Fragen und erwarten einfache Antworten.

Die Veröffentlichung soll auch mit dem Unfug des Verkaufs minderwertiger Abschriften, die von gewissenlosen Abschreibern und Geschäftsmachern mit allen möglichen Zusätzen und billigen Versprechungen verbrämt und für teueres Geld verkauft werden, aufräumen.

Es wird nur wenig Deutsche aus Böhmen geben, welche vom blinden Jüngling nicht wenigstens schon einmal gehört haben; vielmehr konnte ich feststellen, daß die Kenntnis der Prophezeiungen unter den Deutschen in Böhmen weit mehr verbreitet war, als unter den Tschechen. Unter den Tschechen sind diese Prophezeiungen nicht gerne gehört; sagen sie doch auf politischem Gebiet manches Beschämende für ihre Geschichte aus. Ich begegnete bei meinen Umfragen allen möglichen Reaktionen: Unwissen, Gleichgültigkeit, Neugier, Anteilnahme, Furcht, Abwehr, Gelächter und offene Feindseligkeiten. In lebhafter Erinnerung jedoch blieb mir der Ausspruch eines tschechischen Lehrers aus Melnik, welcher mir mit besorgter Miene beim Abschied nach einer langen freundschaftlichen Unterhaltung sagte: „ . . . ich glaube, niemand erfaßt bis heute die Tragweite dieser Prophezeiungen, — es widerstrebt einem, ihre letzte Konsequenz auszudenken . ."

Ich habe später, als ich die Elendszüge der Vertriebenen durch die „gastlichen" deutschen Länder begleitete, oft an diese Worte denken müssen.

Der bayerische Waldprophet Stormberger, dessen Vorhersagungen ich im Anhang bringe, ist nur als Nachahmer des blinden Jünglings zu bewerten, da er 300 Jahre später auftauchte und als heimatloser, aus Böhmen gekommener Hirte wahrscheinlich Kenntnis von den Prophezeiungen des blinden Jünglings hatte, wie aus vielen gleichlautenden Stellen hervorgeht. Immerhin aber kann man bei der Bewertung und Verbreitung der Prophezeiungen des blinden Jünglings nicht achtlos an Stromberger vorbeigehen, da er geeignet ist, viele dunkle Stellen des blinden Jünglings zu erklären und zu ergänzen. Außerdem ist er bemerkenswert, da er in vielen Sätzen eigene intuitive Einsichten verrät. Seine Verbreitung ist fast ebenso groß wie der blinde Jüngling, abgesehen davon, daß er wahllos mit ihm vermischt wird und bei vielen als ein und dieselbe Person gilt. Geschichtlich ist, außer den von mir eingesehenen Druckwerken aus den Jahren 1660, 1700, 1763 und 1768 — über die Existenz und Herkunft des blinden Jünglings, nichts nachweisbar. Über seine Herkunft berichten die beiden Druckwerke 1763 und 1768, und zwar das erstere von einem blind geborenen Hirten (!) das zweite von einem später erblindeten jungen Hirten.

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